1. Hellebarden, Heuchelei und Heiterkeit
Der Bundesplatz als Theaterbühne
Man muss sie einfach lieben, die Sünneli-Partei. Immer für eine Überraschung gut, immer auf Sendung, wenn es um Volk, Vaterland und vor allem ums eigene Ego geht. Und wenn’s mal wieder langweilig wird im Bundeshaus, dann marschiert die SVP einfach im Morgengrauen auf den Bundesplatz – mit Hellebarde, Friedhofskerzen und der feierlichen Ernsthaftigkeit eines mittelalterlichen Totengräbers. Das Ganze natürlich unbewilligt. Denn wo SVP draufsteht, ist Demokratie halt nur dann drin, wenn sie ins eigene Drehbuch passt.
Man stelle sich das Bild vor: Parteipräsident Dettling und Konsorten schleichen durch die Nebelsuppe wie eine Mischung aus Tell-Festspiel und Zombieparade. Eine Demonstration gegen den EU-Deal der Schweiz, ganz grosses Drama, ganz grosses Kino. Bloss: In der Stadt Bern braucht’s für so was eine Bewilligung. Und jetzt rate mal, wer sich daran nicht gehalten hat? Richtig, unsere Ordnungshüter der Herzen.
Bussen? Nicht abholen ist auch eine Strategie
Die Polizei, offenbar weniger beeindruckt von der Hellebarden-Romantik, greift ein. Die Personalien werden aufgenommen, die Kerzen flackern traurig vor sich hin, und schon ist klar: Da rollt eine Busse heran. Nicht etwa für schlechte Inszenierung, sondern für Verstoss gegen das Versammlungsrecht. Und was macht die SVP? Sie nimmt die Verfügung einfach nicht entgegen. Kein Witz. Eingeschriebener Brief? Wird nicht abgeholt. Wahrscheinlich hatte man gerade Wichtigeres zu tun. Zum Beispiel über kriminelle Ausländer schimpfen.
Wenn andere demonstrieren, ist es „ein Skandal“
Das ist der Moment, wo es richtig lustig wird. Denn erinnern wir uns: Als die Klimajugend 2020 während einer Session unbewilligt auf dem Bundesplatz demonstrierte, tobte die SVP wie eine Furie. Der Rechtsstaat, so hiess es damals, werde mit Füssen getreten. Wo kämen wir denn hin, wenn jeder einfach tun könnte, was er wolle?
Jetzt wissen wir es: Man kommt genau dorthin, wo ein eingeschriebener Brief plötzlich als unerträgliche Zumutung gilt. Wenn’s die Falschen trifft, ist Recht plötzlich verhandelbar.
Die grösste Fraktion des Bundeshauses – auf dem Trotz-Stuhl
Statt Grösse zu zeigen, gibt es beleidigtes Schweigen. Kein Kommentar, keine Einsicht, nur Trotz. Dabei hätte man doch die Gelegenheit nutzen können, um wenigstens konsequent zu sein. “Ja, wir haben demonstriert. Ja, das war unbewilligt. Und ja, das kostet halt.” Das wäre ehrlich gewesen.
Stattdessen mimt man das beleidigte Genie: Wenn wir es tun, ist es ein Akt der Freiheit. Wenn andere es tun, ist es ein Angriff auf die Demokratie. Schon ein wenig kindisch für eine Partei, die sich stets als die letzte erwachsene Instanz im Kindergarten Bern präsentiert.
Recht und Ordnung – aber bitte à la carte
Natürlich darf man gegen den EU-Deal sein. Man darf demonstrieren, man darf protestieren – das ist Demokratie. Aber wer ständig Recht und Ordnung fordert, wer andere bei jedem Regelverstoss an den Pranger stellt, sollte selbst nicht wie ein trotziger Schüler auf dem Pausenplatz auftreten. Ansonsten bleibt nur Heuchelei. Und davon hat die SVP gerade so viel im Angebot wie Glacé im Hochsommer.
Die Ironie des Ganzen ist einfach zu köstlich: Dieselben Köpfe, die bei jeder Gelegenheit vom Respekt vor dem Staat schwadronieren, knicken beim ersten eingeschriebenen Brief ein wie ein Aldi-Gartentisch im Sturm.
Und das, liebe Leserin, lieber Leser, ist nicht nur traurig.
Es ist auch verdammt unterhaltsam.
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