Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Satire ist tot. Lang lebe der Empörungsautomat!

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 07.04.2025 14:35
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Von einem alten Mann in Unterhosen zu einem gesellschaftlichen Totalschaden in 24 Stunden – das schafft nur einer: Dieter Hallervorden. Der 89-jährige Komiker hat mit einem Sketch, der älter ist als das durchschnittliche TikTok-Gedächtnis, eine nationale Hyperventilation ausgelöst. Und warum? Weil er das “N-Wort” gesagt hat. Ja, in einer satirischen Rolle, als Knacki, der wegen sprachlicher Verbrechen einsitzt. Und zack: schon schreit das Internet nach Köpfen, am liebsten seinen.

Willkommen in der Zeit der moralisch überzüchteten Dünnhäutigkeit, wo jedes ironische Augenzwinkern als Kriegserklärung ans kollektive Wohlfühlbündnis verstanden wird. Hallervorden, ein Relikt aus der Zeit, als Humor noch wehtun durfte, wird nun zum öffentlichen Abschuss freigegeben – von Leuten, die Satire offenbar nur noch verstehen, wenn sie auf Netflix mit Triggerwarnung und begleitendem Therapeuten ausgestrahlt wird.

Die Beleidigten von heute – die Inquisitoren von morgen

Früher hiess es: Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Heute heisst es: Humor ist, wenn du vorher dreimal nachfragst, ob sich irgendjemand vielleicht irgendwie betroffen fühlen könnte – und dann besser gar nichts sagst. Der Mensch von heute hat nicht nur sein Rückgrat, sondern auch seinen Humor irgendwo zwischen Empörungskultur und Cancel-Reflex verloren.

Denn was war Hallervordens «Verbrechen» wirklich? Er hat sich nicht über Menschen lustig gemacht. Er hat sich über die Absurdität einer Sprache lustig gemacht, die sich selbst so sehr korrigiert hat, dass man sich bald nur noch in Emojis unterhalten darf. Der Sketch war ein Kommentar. Eine Überzeichnung. Eine zugespitzte Karikatur der sprachpolizeilichen Zeitenwende. Aber genau das darf man eben heute nicht mehr. Kontext? Absicht? Kunstfreiheit? Ach, geh weg damit. Heute zählt nur noch: Hat er das Wort gesagt oder nicht?

Zensur als Tugend – Gratulation zur Regression

Die ARD wiederum steht nun da wie ein peinlich berührter Gastgeber, der festgestellt hat, dass Onkel Dieter beim Familienfest nicht nur Rotwein auf den Teppich, sondern auch noch «das böse Wort» gesagt hat. Und anstatt Rückgrat zu zeigen, rudert man verbal zurück, versteckt sich hinter «Kunstfreiheit, aber…», betont, dass man selbstverständlich gegen Rassismus ist – als hätte Hallervorden das Manifest des Ku-Klux-Klan rezitiert und nicht einen satirischen Knacki mimt.

Was kommt als Nächstes? Werden alte Loriot-Sketche mit Trigger-Warnungen versehen? Wird Karl Valentin posthum gecancelt, weil er einen unzeitgemässen Bart trug? Oder vielleicht ein Aufruf, das gesamte Archiv der öffentlich-rechtlichen Anstalten durch einen Ethikrat aus Instagram-Aktivisten neu absegnen zu lassen?

Die Moral-Elite der Selbstgerechten

Das eigentliche Problem sind nicht Hallervordens Worte. Es sind die Leute, die ihre moralische Erregung wie einen Orden tragen. Die sofort mit digitaler Mistgabel zur Stelle sind, wenn irgendwo ein alter weisser Mann nicht ganz dem neuen Kodex entspricht. Die alles durch die Linse ihrer Befindlichkeit sehen und jeden Witz sezieren, bis nichts als ein seelenloser Rest von political correctness übrig bleibt.

Diese Empörten stehen nicht für Fortschritt, sie sind die Totengräber des Denkens. Sie sind nicht mutig, sie sind bequem. Denn sich über Dieter Hallervorden aufzuregen ist einfach. Das ist kein Risiko. Das kostet keinen Job. Das bringt Likes und Retweets. Aber mal echte Missstände ansprechen? Soziale Ungleichheit oder Krieg? Ach nein, lass uns lieber einem 89-Jährigen erklären, dass er sich in seiner Kunst nicht mehr frei äussern darf.

Die wahre Satire ist der Shitstorm selbst

Denn das Ironischste an der ganzen Geschichte ist: Hallervorden spielt einen Mann, der wegen sprachlicher Vergehen im Knast sitzt – und die Reaktion darauf ist, dass man ihn sozial ächten will. Der Sketch wird durch die Reaktionen zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Die Wokeness fällt über sich selbst her, und merkt es nicht einmal.

Vielleicht hat Hallervorden genau das gewollt. Vielleicht hat er den Stachel so tief gesetzt, dass jetzt alle moralisch zucken. Vielleicht ist das der letzte grosse Witz seiner Karriere: die absurde Tragikomödie einer Gesellschaft, die mit grösstem Ernst auf eine Pointe reagiert.

Ein letzter Gruss aus der Freiheit

Dieter Hallervorden hat gesagt: «Ich will nicht zensiert werden.» Und das ist vielleicht der mutigste Satz dieser Tage. Denn wer heute sagt, was er denkt, steht schneller im Shitstorm als ein Politiker beim Lügendetektor. Aber genau diese Stimmen braucht es. Die Unangepassten. Die Provokanten. Die, die nicht jedem Algorithmus gefallen wollen.

Also, danke, Dieter. Für den Mut, uns zu zeigen, wie unfähig wir geworden sind, Satire zu verstehen. Und wie sehr wir sie brauchen. Gerade jetzt.

P.S.: Sollte dieser Text jemanden beleidigt haben – wunderbar. Das war Absicht.

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