1. Die Füdlibürger-Republik
Alfred Heer hat geschrieben. Schon wieder. Diesmal über die Sozialdemokraten, über Trump, über Zölle, über die EU – und natürlich über sich selbst, auch wenn das nie so im Text steht. Sein jüngster Erguss im Sonntagsblick heisst „Die ‚Fuck you‘-Partei“, und man merkt schnell: Es ist weniger eine Analyse als eine Beleidigung mit Anzug und Krawatte.
Wermuth, Meyer, die SP – alle sind sie wieder schuld. Schuld an den Zöllen. Schuld an der EU. Schuld an der Klimaerwärmung, dem Juckreiz in Alfreds rechtem Ohr und vermutlich auch daran, dass sein Lieblingsbier nicht mehr im Coop erhältlich ist. Und ganz besonders schlimm: Wermuth hat in einem Anflug von Emotion „Fuck you Mr. Trump“ gesagt. Und das, meine Damen und Herren, reicht für Heer bereits, um eine ganze Kolumne darüber zu schreiben, wie böse, ahnungslos und antischweizerisch die SP doch sei.
Nun, man könnte meinen, das Ganze sei Satire. Aber es ist bitterer Ernst – zumindest für Heer. Er empört sich in einer solchen Lautstärke über den Satz „Fuck you Mr. Trump“, dass man fast meinen könnte, Wermuth habe ihm persönlich in die Fonduepfanne gepinkelt. Dabei war dieser Spruch nicht viel mehr als ein emotionaler Reflex auf einen US-Präsidenten, der in der internationalen Diplomatie etwa so viel Feingefühl zeigte wie ein Presslufthammer in der Oper.
Aber was bietet Heer stattdessen an? Richtig: Malaysia. Während die SP sich also angeblich in die EU kuschelt – was in der SVP-Übersetzung wohl heisst, dass man nicht jeden Brüsseler Vorschlag sofort in Brand setzen will – unterschreibt Bundesrat Parmelin ein Handelsabkommen mit Malaysia. Malaysia! Ein Land, in dem Homosexualität kriminalisiert ist, Meinungsfreiheit bestenfalls optional und Gewerkschaften eine nette Idee aus dem Ausland sind. Aber Hauptsache, es ist nicht die EU. Hauptsache, man kann irgendwo Zollrabatte rausholen und so tun, als wäre das der Freihandels-Jackpot. Bravo, Bravo.
Heer wirft der SP vor, keine Lösungen zu haben. Das ist schon lustig, wenn es ausgerechnet von einem Mann kommt, dessen eigene Partei beim Stichwort „Lösung“ sofort an Schengen-Austritt, EU-Verachtung und die Rückkehr zur Währungsabschottung denkt. Wenn die SVP ein Navigationsgerät wäre, würde es auf jede Frage einfach mit „Zurück ins Jahr 1950“ antworten.
Und dann diese heldenhafte Lobhudelei auf Bundespräsidentin Keller-Sutter und Bundesrat Parmelin: Sie seien ruhig geblieben, während die Linken Gegenzölle gefordert hätten. Gegenzölle! Wie frech. Wie wirtschaftsfeindlich. Das ist natürlich schlimm, schliesslich ist „ruhig bleiben“ in der SVP neuerdings ein politisches Konzept. Am liebsten so ruhig, dass gar nichts mehr passiert. Vielleicht auch einfach mal die Augen schliessen, wenn wieder irgendwo ein Trump die Schweiz auf die Strafliste setzt.
Dass Heer der SP vorwirft, sie unterwerfe sich der EU, ist ironisch. Denn was ist mehr Unterwerfung als das ewige Schwanzwedeln vor den USA? In Heers Welt ist die Schweiz offenbar nur dann souverän, wenn sie vor Brüssel auf die Barrikaden geht, gleichzeitig aber vor Washington strammsteht wie ein Rekrut beim ersten Inspektionslauf.
Und wo bleibt eigentlich die direkte Demokratie, die Heer so dramatisch beschwört? Im EU-Rahmenabkommen würde man sie angeblich opfern – aber wenn die Schweiz sich komplett an amerikanische Vorgaben anpasst, dann ist das offenbar in Ordnung. Hauptsache, man kann dabei gegen die Linken pöbeln.
Was bleibt, ist das Bild einer Partei – der SVP – die sich in der Rolle des empörten Patrioten so wohlfühlt, dass sie gar nicht merkt, wie sehr sie längst selbst zum Karikaturgewitter geworden ist. Da steht Alfred Heer also, die Faust in der Luft, die Stirn gerunzelt, der Text voller Wut und wilder Behauptungen – und schreit der SP „Fuck you“ entgegen, während er sich darüber aufregt, dass genau das jemand anderes gesagt hat.
Man möchte ihm zurufen: Lieber Alfred, dein Problem ist nicht, dass Wermuth „Fuck you Mr. Trump“ gesagt hat. Dein Problem ist, dass du insgeheim weisst, dass er recht hat. Und dass du es nicht erträgst, wenn jemand den Mut hat, laut auszusprechen, was viele denken – während du weiterhin versuchst, aus Angst vor der EU ein ganzes Land in ein isoliertes Käseloch zu verwandeln, irgendwo zwischen weissem Kreuz und wirtschaftlichem Tunnelblick.
Die Schweiz hat bessere Probleme verdient als deine Kolumnen.
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