Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Wenn die Macht rot sieht – oder warum eine Maturaarbeit gefährlicher ist als ein Whistleblower

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 16.04.2025 10:05
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Zensur in der Schweiz? Nein, nein, keine Sorge. Wir leben ja in einer Demokratie. Hier darf jede und jeder sagen, was er oder sie denkt. Ausser natürlich, man ist 19 Jahre alt, Schülerin am Gymnasium Rämibühl und wagt es, über die heilige Kommunikationsarbeit von SP-Bundesrat Beat Jans zu schreiben. Dann – hoppla! – greift plötzlich der Kommunikationschef persönlich zur Schwärzung. Also nicht zur Schwarzarbeit, sondern zur Schwärzungsarbeit. Und das mit Edding oder gleich mit digitaler Guillotine.

Man kann sich das bildlich vorstellen: Eine junge, idealistische Schülerin sitzt nächtelang über ihrer Maturaarbeit, recherchiert, analysiert, interviewt sogar die Quelle schlechthin – Oliver Washington, Kommunikationschef und Schattenflüsterer von Beat Jans. Und was bekommt sie zurück? Eine Arbeit, die aussieht wie ein CIA-Dossier aus der Zeit des Kalten Kriegs. Titel: «Zensuriert». Inhalt: Danksagung, Inhaltsverzeichnis und sonst… Gitter. Schwarze Gitter.

Die Begründung? Sie habe sich nicht an die Regeln gehalten, sagt Washington. Ja klar, weil wir alle wissen, dass Maturandinnen in der Schweiz heimlich Guerilla-Taktiken anwenden, um die mächtigen Kommunikationsstrategen der Regierung zu entlarven. Wahrscheinlich hatte sie ein geheimes Aufnahmegerät im Spitzer versteckt und wollte die SP mit einem Tintenpatronen-Coup zu Fall bringen. Bravo, Herr Washington, dass Sie unser Land vor dieser gefährlichen Gymnasiastin gerettet haben!

Aber mal im Ernst: Eine Maturaarbeit. Neunzehn Seiten. Geschwärzt. Fast komplett. Was genau hat da drin gestanden? Der Kommunikations-Notfallplan der SP bei einem Meteoriteneinschlag? Das geheime Rezept für Ueli Maurers Fondue? Oder hat sie einfach nur geschrieben, dass Beat Jans eine trockene Medienpräsenz hat? Und das war dann zu viel? Vielleicht lautete ein Zitat: «Beat Jans spricht wie ein Wandregal, stabil aber spannungslos.» Und das ging dann natürlich zu weit.

Der eigentliche Skandal ist ja nicht mal die Zensur selbst – Zensur gibt’s überall, fragt mal bei Netflix oder bei Instagram-Brustwarzen. Aber dass ein Bundesamt so heftig reagiert auf eine Schülerin, ist… wie soll man sagen… ein bisschen Banane. Vor allem, weil das Justiz- und Polizeidepartement offenbar mehr Angst vor Teenagern hat als vor organisierten Cyberangriffen.

Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder war die Arbeit wirklich brisant, enthielt geheime Wahrheiten über die manipulative Macht der politischen Kommunikation. Oder – und das ist wahrscheinlicher – da fühlte sich jemand einfach auf die Füsse getreten, weil eine Schülerin es wagte, etwas kritisch zu hinterfragen, das sonst nur in Polit-Runden auf SRF1 diskutiert wird.

Und überhaupt: Wenn jemand Zitate zurückzieht, dann ist das sein gutes Recht. Aber gleich die ganze Arbeit zu schwärzen? Das ist, als würde Roger Federer ein Interview geben, dann den Mitschnitt verbieten lassen, und die Zeitung druckt einfach nur noch: «Interview mit Roger Federer (zensuriert)». Oder als würde ein Lehrer die Matheprüfung eines Schülers komplett schwärzen, nur weil der bei einer Aufgabe abgeschrieben hat. Verhältnismässigkeit, liebe Leute, schon mal gehört?

Und apropos Verhältnis: Welches Verhältnis hat eigentlich ein Kommunikationschef zu seinem eigenen Job, wenn er meint, er müsse eine Schularbeit zensieren, um das Image seines Chefs zu retten? Vielleicht war das ein interner Test: «Wenn du diese Schülerin ruhigstellen kannst, darfst du dich Kommunikationschef nennen.»

Die Krönung des Ganzen ist aber die Reaktion der Schülerin. Statt sich aufzuregen, schreibt sie in der Danksagung einfach «Never feel too comfortable!». Das ist so charmant wie abgeklärt. Mehr Punchline als die ganze Kommunikation der SP im Wahljahr. Und wahrscheinlich ehrlicher als alles, was aus dem Bundeshaus kommt. Chapeau!

Also was lernen wir aus dieser Posse?
1. Maturandinnen sind gefährlicher als gedacht. Man sollte sie nicht unterschätzen. Schon gar nicht mit einem Kugelschreiber in der Hand.
2. Kommunikationschefs sind empfindliche Wesen. Streichelt sie nicht gegen den Strich.
3. Zensur in der Schweiz ist offenbar dann erlaubt, wenn sie der linken Hand eines Bundesrats nicht in den Kram passt.

Vielleicht sollte man in Zukunft alle Maturaarbeiten direkt an den Bundesrat schicken, zur Vorabkontrolle. Oder besser gleich verbieten, dass junge Leute noch selber denken dürfen. Viel zu riskant. Sonst kommt am Ende noch raus, dass Politiker auch nur Menschen sind. Und das wäre ja… nun ja… tatsächlich ein Skandal.

Und Beat Jans? Der bleibt cool. Oder schweigt. Wahrscheinlich schweigt er. Und lässt seinen Kommunikationschef sprechen. Oder schwärzen. Wer braucht schon Worte, wenn man auch Edding hat?

So oder so: Diese Schülerin hat mehr über Kommunikation gelernt als in jedem Schulbuch steht. Und der Rest von uns hat auch was gelernt: Dass Transparenz in der Schweiz ein dehnbarer Begriff ist. Vor allem, wenn sie gerade nicht in den kommunikativen Plan passt.

Willkommen in der Demokratie. Wo jede Meinung zählt – solange sie vorher genehmigt wurde.

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