1. 1. Mai oder «Möchtegern-Revolution deluxe»?
Jedes Jahr dasselbe Theater. Pünktlich zum 1. Mai wird in Zürich nicht nur der Frühling begrüsst, sondern auch das Chaos. Kaum ist der letzte Redner von der Bühne gestiegen, verwandelt sich das Kasernenareal in eine Mischung aus Pyrotechnikshow, Scherbenmeer und Live-Action-Rollenspiel der Kategorie «Krawall mit Nebenwirkungen».
Man fragt sich unweigerlich: Wissen diese schwarz gekleideten Gestalten überhaupt, was sie da angeblich feiern oder beklagen? Oder geht’s nur ums Zündeln – im Kopf wie auf der Strasse?
Denn machen wir uns nichts vor: Die Bilder erinnern nicht an politische Kämpfer, sondern an Fussball-Hooligans auf Entzug. Dass ein Polizist mit Schnittverletzungen ins Spital musste, ist keine Randnotiz – das ist eine Bankrotterklärung an jede Form von politischem Diskurs. Wer mit Flaschen, Steinen und Feuerwerkskörpern auf Menschen losgeht, hat nicht nur das Thema verfehlt, sondern sich auch für den falschen Feiertag entschieden. Die «Chöbler» von Zürich-West hätten wohl auch an einem Dienstag im November randaliert – Hauptsache, es knallt.
Was genau wird da eigentlich zelebriert? Der Kampftag der Arbeiterklasse? Oder eher das Wochenende der nihilistischen Freizeit-Anarchisten mit einem Hang zur Pyromanie? Der 1. Mai steht ursprünglich für den Kampf um faire Arbeitsbedingungen, gegen Ausbeutung, für soziale Gerechtigkeit. Ein hochpolitischer Tag, getragen von Gewerkschaften, linken Parteien, Idealistinnen und Idealisten. Heute wirkt das Ganze leider oft wie ein Rave mit Wutbürgern, die sich am liebsten selbst applaudieren würden.
Die Organisatoren der offiziellen Kundgebungen geben sich jedes Jahr Mühe, das Event friedlich und sinnvoll zu gestalten – und dann kommen abends die selbsternannten «Revoluzzer» und zünden Müllcontainer an, als ob das der Bourgeoisie irgendwie wehtäte. Die einzige Klasse, die da leidet, ist die städtische Reinigung.
Wirklich revolutionär wäre übrigens mal ein 1. Mai, an dem niemand verletzt wird. Ein 1. Mai, an dem über Lohngleichheit, Klimagerechtigkeit und Digitalisierung diskutiert wird – und nicht über den Einsatz von Wasserwerfern. Aber vielleicht ist das ja zu wenig spektakulär für die Insta-Stories der vermummten Empörten.
Es ist ja nicht so, dass Zürich keine Probleme hätte. Die Mieten sind absurd, die Löhne vieler Menschen prekär, soziale Ungleichheiten wachsen auch in der Schweiz. Wer sich ernsthaft für Gerechtigkeit interessiert, findet genug Themen – aber die erfordern halt Argumente, Ausdauer und Organisation. Kein Wunder, greifen manche lieber zur Rakete als zum Rednerpult.
Und währenddessen versucht die Polizei, zwischen friedlicher Demo und brennender Barrikade zu unterscheiden – mit Gummischrot in der einen Hand und dem Dienstprotokoll in der anderen. Die Beamten, die sich das jedes Jahr aufs Neue antun, verdienen nicht nur Respekt, sondern vermutlich auch eine extra Portion Ferien. Denn was sie da teilweise erleben, ist nicht staatskritische Zivilcourage, sondern schlicht ein Angriff auf die öffentliche Ordnung.
Natürlich wird es wieder Stimmen geben, die sagen: «Ja, aber die Polizei provoziert doch auch.» Und klar, es gibt Situationen, in denen Staatsgewalt eskaliert. Aber in der Nacht zum 3. Mai war der Auslöser nicht ein übermotivierter Polizist – es war eine Gruppe Chaoten, die offenbar beschlossen hatte, die Stadt als Feindbild zu begreifen. Zürich als Bühne, die Gesellschaft als Gegner und die Polizei als Statist im eigenen Revolutionsdrama.
Und nein, das hat nichts mit linker Politik zu tun. Es diskreditiert sie. Wer linke Ideale ernst nimmt, sollte sich von dieser Gewalt klar distanzieren. Denn mit Anarchie hat das wenig zu tun, mit pubertärem Trotzverhalten aber sehr viel.
Fazit? Vielleicht braucht der 1. Mai eine Art TÜV. Eine Plakette für sinnvolle Inhalte, eine rote Karte für brennende Barrikaden. Oder zumindest eine bessere Trennung zwischen Demonstration und Destruktion. Denn so wie es jetzt läuft, verlieren alle: Die Polizei, die Veranstalter, die Anwohner – und vor allem die Idee eines Tages, der eigentlich dem Fortschritt gewidmet sein sollte, nicht dem Rückfall ins primitive Chaos.
Aber was weiss ich schon. Ich hatte kein Soziologie-Seminar. Vielleicht hätte ich dann auch mehr Lust, Container anzuzünden. Oder wenigstens eine Theorie dazu.
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