Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Die Situation von Kulturschaffenden während der Corona-Pandemie: Ein Jazzmusiker blickt zurück

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 04.05.2023 20:23
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Die Corona-Pandemie – ein Begriff, den wir heute alle mit einem Kopfschütteln verbinden, als hätten wir einen schlechten Witz überstanden. Und als freischaffender Jazzmusiker, der seine Existenz im Wesentlichen mit der Schaffung von „unvorhersehbaren“ Klangwelten und dem gelegentlichen „Sich-auf-der-Bühne-in-die-Augenschaukel-greifen“ verdient, war diese Zeit… nun ja, aufregend, aber aus den falschen Gründen. Ein bisschen wie ein Jazzsolo, das in die falsche Richtung geht – mit der Erkenntnis, dass man das Stück trotzdem zu Ende spielen muss, aber ohne das Publikum, das einem sonst den Rücken stärkt.

Leere Kalender und wie Improvisation plötzlich Pflicht wurde

Wir Jazzmusiker haben ja ein gutes Verhältnis zur Improvisation – wir müssen oft auf der Bühne einen coolen Kopf bewahren, wenn plötzlich der Schlagzeuger einen völlig anderen Takt anschlägt oder der Bassist in einer fremden Tonart weitergeht. Doch während der Pandemie wurde die Improvisation nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Leben zur obersten Maxime. Es war plötzlich wie ein langes Solo ohne Partitur – wer hatte die Kontrolle, wer wusste, wo die Reise hingeht?

Zuerst war es fast ein bisschen surreal: Der Kalender, der normalerweise von Konzerten und Auftritten nur so strotzte, war plötzlich so leer wie ein Glas nach dem letzten Drink vor dem Lockdown. Keine Auftritte, keine Tourneen, keine Gagen. Um ehrlich zu sein, stand der „Künstler“ in mir wie ein Musiker ohne Instrument – irgendwo zwischen Verzweiflung und dem Versuch, die Krise mit einer Portion Humor zu überstehen. „Okay“, dachte ich mir, „wenn wir die Bühne nicht mehr betreten können, dann wird es halt ein digitales Konzert geben!“ Also, Laptop aufklappen, Streaming-Software herunterladen, ein paar Instrumente zurechtrücken – und los ging’s.

Live, aber ohne Publikum. Ah ja, das neue „Normal“. Es fühlte sich an, als hätte man den besten Gig seines Lebens und dann festgestellt, dass das Publikum nach Hause gegangen ist. Man spielte also weiter – für den leeren Raum, für den imaginären Applaus, der einem irgendwie wie ein Hallenhallensystem im Kopf widerhallte. Aber immerhin: Wir musizierten weiter, auch wenn das Publikum nicht sichtbar war. Das einzige, was an unsere Anwesenheit erinnerte, war die Kamera, die uns stumm beobachtete.

Die finanzielle Leere – oder: Wo bleibt das Geld?

Der Übergang von der Bühne in den virtuellen Raum hatte allerdings seine Tücken – vor allem, wenn man überlegt, dass „Geld verdienen“ in dieser neuen Form von Auftritt nicht gerade üppig ausfiel. Klar, die virtuellen Gigs wurden gespielt, aber die Gage… nun ja, die blieb ein bisschen hinter den Erwartungen zurück. So gross war die Wertschätzung für unsere Musik im Netz anscheinend doch nicht. Und natürlich gab es in der Schweiz die berühmten Hilfsprogramme – ich habe gehört, dass viele Kollegen aus der Musikszene versucht haben, sich damit über Wasser zu halten. Aber die Realität sah bei vielen von uns anders aus. In meinem Fall gab es keine staatlichen Zuschüsse. Kein „Corona-Hilfsbudget für Jazzmusiker“, keine Extra-Millionen für „geniale Improvisationen ohne Publikum“. Es war ein bisschen so, als würde man als Musiker in einem Orchester sitzen, aber der Dirigent hätte plötzlich das Handtuch geworfen – und so sassen wir alle da, ohne wirklich zu wissen, wie wir zum Applaus oder gar zum „Gehalt“ kommen sollten.

Der finanzielle Druck war daher eine ständige Begleiterscheinung. Es fühlte sich ein bisschen so an, als hätten wir uns entschieden, in einem leeren Konzertsaal zu spielen – und dann auch noch von der Staatskasse vergessen zu werden. Aber wie im Jazz üblich: Man improvisiert weiter. Wenn man das Publikum nicht mehr hat, muss man sich anderweitig arrangieren. Vielleicht kommt ja die nächste Förderung… oder auch nicht.

Der digitale Raum: Eine neue Bühne mit seltsamer Akustik

Was uns die Pandemie aber auch brachte, war die schrittweise Akzeptanz des digitalen Raumes. Ich gebe zu, zuerst war ich etwas skeptisch. Musik auf einem Bildschirm – das fühlt sich doch irgendwie an wie der Versuch, eine Trompete in eine Briefmarke zu pressen. Aber irgendwie wurden die Livestreams die neue Bühne, und es gab viele Momente, in denen wir versuchten, die Energie des „Live-Auftritts“ durch den Bildschirm zu transportieren. Und wer hätte gedacht, dass man auch ohne Publikum mit der Musik eine Art von Verbindung herstellen kann? Und dann das ganze technische Zeug: Mikrofone, Kameras, Streaming-Plattformen. Es war ein bisschen wie ein Jazzsolo, das ständig von der Technik unterbrochen wurde – mal ein kurzer Wackler im Bild, mal ein Audio-Desaster, und dann musste man improvisieren, um den Anschluss nicht zu verlieren. Das Gefühl, der Technik hinterherzujagen, während man die Musik aufrechterhielt, war irgendwie surreal.

Und das Beste? Wir konnten immer noch machen, was wir lieben – auch wenn es nur vor der Kamera war. Das war das Gute: Musik blieb ein Ventil für uns. Doch trotz aller Kreativität gab es da auch eine tiefe Erkenntnis: Man spielt, aber es fehlt die Rückmeldung, der Austausch. Der Applaus – der echte – fehlte einfach. Wenn du ohne Reaktionen spielst, fühlt es sich ein bisschen so an, als würdest du in einem Echo-Kammern-Duell gegen dich selbst antreten.

Fazit: Weiter improvisieren, auch ohne Publikum

Zusammengefasst lässt sich sagen: Die Corona-Pandemie hat uns als Musiker vor grosse Herausforderungen gestellt. Sie hat uns aber auch gezeigt, wie viel Kraft und Kreativität in uns steckt. Die Bühne, auf der wir aufwuchsen, war in den letzten Jahren immer leerer geworden, aber unsere Leidenschaft für die Musik hat uns durch die Krisen geführt. Die Auftritte ohne Publikum, die virtuellen Gigs, die finanziellen Unsicherheiten – all das konnte uns nicht wirklich unterkriegen.

Und heute, nach all den Einschränkungen, stehen wir wieder auf der Bühne – die Säle sind wieder voll, und der Applaus, der echte Applaus, hallt uns wieder entgegen. Die Erinnerung an die „konzertlosen“ Zeiten bleibt zwar in unseren Köpfen, aber sie hat uns auch gezeigt, wie sehr wir diese Momente der echten Verbindung brauchen. Wir haben uns durch die Krise improvisiert, haben aus der Not eine Tugend gemacht, und das, was uns nie genommen werden konnte, ist die Musik selbst.

Es dauert zwar seine Zeit, aber jetzt, wo das Publikum zurück ist, wissen wir eines: So schnell lässt sich die Musik nicht zum Schweigen bringen. Wir spielen weiter – und die Säle füllen sich wieder. Und wer weiss, vielleicht ist die nächste Krise schon in Sicht, aber eines ist sicher: Wenn wir sie überstehen, dann spielen wir auch weiterhin – stolz und voller Leidenschaft.

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