Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Weisser Rauch und dunkle Machenschaften – oder: Wie die Minibar fast heiliger wurde als der Heilige Geist

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 06.05.2025 18:38
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Der Papst ist tot. Lang lebe… irgendjemand.

Seit dem 21. April 2025 liegt der Stuhl Petri wieder einmal leer, und der vatikanische Machtapparat surrt auf Hochtouren wie ein jahrhundertealtes Schweizer Uhrwerk – nur mit deutlich mehr Intrigen, Altersmüdigkeit und gelegentlichen Aussetzern bei der Getränkeabrechnung.

Morgen beginnt das Konklave. 133 Kardinäle – oder besser gesagt: 133 Männer im reiferen Alter mit einer Vorliebe für prunkvolle Gewänder und absolute Wahrheitsansprüche – werden sich in der Sixtinischen Kapelle einsperren, um den nächsten Papst zu wählen. Oder sich zumindest gegenseitig die Nerven zu ruinieren.

Und schon bevor der erste Stimmzettel gefaltet ist, liefern einige Eminenzen ein Schauspiel, das zwischen göttlicher Komödie und Operettenwahnsinn pendelt.

Da wäre zum Beispiel der anonyme “ausländische Kardinal”, der sich unlängst durch die Minibar des Gästehauses Santa Marta soff – aus blankem Missverständnis, versteht sich. Er hielt die alkoholischen Miniaturen wohl für eine Art sakramentale Grundversorgung: Geistiger Beistand im doppelten Sinn. Dumm nur, dass nach dem geistlichen Höhenflug die irdische Hotelrechnung folgte – und der Kardinal, statt Busse zu tun, schlicht beleidigt war. Offenbar hatte er beim Studium der Kirchenfinanzen übersehen, dass ex cathedra nicht automatisch ex gratis bedeutet.

Dann wäre da Kardinal Philippe Nakellentuba Ouédraogo aus Burkina Faso, der seine Geburtsurkunde kurzerhand umdatiert hat – mutmasslich. Bisher 25. Januar 1945, jetzt plötzlich 31. Dezember desselben Jahres. Eine bescheidene Korrektur, die allerdings zufällig den kleinen Unterschied macht zwischen wahlberechtigt und ausgemustert. Wahrscheinlich war’s nur ein Bürofehler. Oder der Himmel hat nachgerechnet. Oder Ouédraogo dachte sich: Wenn selbst Gott mal einen Tag Pause braucht, warum nicht auch mein Geburtstag?

Der eigentliche Höhepunkt der vatikanischen Groteske aber: Kardinal Angelo Becciu.

Becciu, der sich als ehemaliger Präfekt der Heiligsprechungskongregation und Protagonist eines stattlichen Finanzskandals nicht gerade für die Rolle des moralischen Leuchtturms qualifiziert hat, kündigte unlängst an, er werde – trotzdem – nicht am Konklave teilnehmen.

Seine Begründung? Er wolle dem Papst gehorchen.

Moment. Welchem Papst genau?

Franziskus ist tot. Seit über zwei Wochen. Und zwar so tot, dass man ihn sogar kirchlich betrauert hat, was nicht einmal bei jedem Papst der Fall war.

Doch Becciu will seinem verstorbenen Pontifex also nachträglich gehorchen, was entweder von tiefster Demut oder maximaler Verzweiflung zeugt. Wahrscheinlicher aber: Er weiss ganz genau, dass ein Kardinal mit einer Skandalbilanz länger als die Sixtinische Kapelle selbst von den anderen Wahlmännern taxiert würde – und zwar nicht mit Weihrauch, sondern mit Seitenblicken, die selbst Heilige aus dem Raum treiben würden.

Oder er spekuliert auf ein künftiges Comeback unter einem Papst, der das Gedächtnis eines Goldfischs mit Alzheimer hat.

Dabei soll das Konklave diesmal erstaunlich schnell gehen. Was nicht heisst, dass es weniger absurd wird. Nur effizienter. Vier Wahlgänge pro Tag, so viel Disziplin kennt man sonst nur vom Schweizer Bundesrat – allerdings ohne Tiara.

Die Konservativen? Auf Krawall gebürstet, aber strategisch desorganisiert. Die Progressiven? Eifrig, aber ebenfalls ohne klaren Kandidaten. Was bleibt, ist das bekannte vatikanische Ritual der gegenseitigen Blockade, das früher oder später in einem Kompromisskandidaten gipfelt. Pietro Parolin, der Mann ohne Ecken, ohne Kanten, aber mit diplomatischem Dauerlächeln, wird als Favorit gehandelt. Weil ihn keiner wirklich liebt, aber jeder irgendwie erträgt.

Und genau darum geht es ja: Die Papstwahl ist keine Frage der Eingebung – sie ist das Resultat spiritueller Müdigkeit und politischer Mathematik. Wenn sich 133 alte Männer nicht einig werden, wer Gottes Stimme am besten imitieren kann, gewinnt am Ende der, den alle am wenigsten fürchten.

Man stelle sich vor: Der Rauch steigt, weisser Dunst vor blassblauem Himmel, und draussen warten die Massen auf einen neuen Hirten. Drinnen sitzen die Kardinäle mit Koffein-Entzug, Blasenproblemen und lateinischen Bauchschmerzen – und irgendwo steht eine Minibar, die diesmal hoffentlich abgeschlossen ist.

Denn eines ist sicher: Der Heilige Geist mag den Raum erfüllen, aber der wirkliche Entscheid fällt nicht im Himmel. Sondern in der Logik eines Systems, das sich selbst für unfehlbar hält – bis einer den Korken zieht.

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