1. Mit Weihrauch und Wahlzettel: Wie man CEO der Ewigkeit wird
Also gut, die katholische Kirche hat wieder einen neuen Chef. Und nein, es ist diesmal kein Argentinier mit Hang zu Selbstironie und Sneakers, sondern ein Mann namens Robert Francis Prevost – jetzt bekannt als Papst Leo XIV., geboren in Chicago, gebildet in Mathematik, spirituell ausgebildet in Peru, gestählt im vatikanischen Labyrinth. Man könnte meinen, dieser Mann sei die perfekte Mischung aus Excel-Tabelle und Exerzitien. Nur: Wer hat eigentlich gesagt, dass es das braucht?
Die Wahl fand wie gewohnt in der Sixtinischen Kapelle statt – ein Raum, der vor allem dadurch beeindruckt, dass dort seit Jahrhunderten Männer in Kleidern darüber abstimmen, wer am besten geeignet ist, ein globales Unternehmen mit Milliarden Anhängern zu führen, ohne dabei die Kontrolle über Dogmen, Diözesen und diverse Doppelmoral zu verlieren.
Man stelle sich vor: 133 alte Herren, von denen man nicht weiss, ob sie beim letzten Update der Realität überhaupt anwesend waren, wählen einen von ihnen. Es ist, als ob sich das Schweizer Parlament ausnahmslos aus pensionierten Alt-Nationalräten zusammensetzen würde, die gemeinsam den CEO der SRG küren. Nur mit mehr Weihrauch.
Prevost wurde also viermal aufgerufen, bevor man ihm zutraute, dass er es nicht komplett versemmelt. Und als sein Name zum 89. Mal auf einem Stimmzettel auftauchte, muss er sich gefühlt haben wie der letzte Freiwillige an einer Gemeindeversammlung, dem man plötzlich das Präsidium überträgt, weil niemand sonst Lust hat.
Ein Mann mit zwei Pässen, aber (noch) ohne Profil
Leo XIV. ist Amerikaner. Aber immerhin nicht dieser Amerikaner. Man stelle sich das Spektakel vor, wenn Trump Papst geworden wäre – Jesus hätte seine Rückkehr glatt abgesagt. Prevost hingegen ist kein Mann der grossen Worte. Er ist eher der stille Denker mit Hang zum Peruanischen. Vielleicht ist er der erste Papst, der simultan ein Gebet sprechen und eine lineare Gleichung lösen kann.
Er hat eine Doktorarbeit geschrieben – über die Rolle des lokalen Priors. Man fragt sich: Wer liest sowas? Wer muss sowas lesen? Und ist das eigentlich noch Theologie oder schon Verwaltungswissenschaft mit Heiligenschein?
Doch Leo XIV. scheint tatsächlich ein Mann des Volkes zu sein – oder zumindest einer, der gerne so tut. Er war Missionar in Peru, was per se eindrücklich ist. Nicht nur wegen der Höhenlage, sondern auch, weil man dort noch mit echten Problemen konfrontiert wird, nicht nur mit liturgischen Spitzfindigkeiten und dem Zustand von Messgewändern.
Mit einem Fuss in der Andenrepublik, mit dem anderen im Vatikan
Prevost hat in Peru offenbar einiges bewirkt. Oder wenigstens nicht kaputtgemacht – was im kirchlichen Kontext ja schon fast als Heldentat gilt. Dass er dort das Vertrauen von Papst Franziskus genoss, mag ein gutes Zeichen sein. Oder einfach ein Indiz dafür, dass Franziskus dringend jemanden brauchte, der nicht sofort mit dem Weihwasser spritzte, sobald jemand «Homosexualität» sagte.
Denn ja, auch Prevost musste sich kürzlich zur berühmten Erklärung «Fiducia supplicans» äussern. Und wie tat er das? Verhalten positiv. Das klingt ein wenig nach: «Ich finde es nicht schlecht – aber fragt mich bitte nicht zu genau.» Vielleicht ist das auch sein Führungsstil: halb sagen, ganz hoffen, dass niemand nachfragt.
Ein Skandal zu viel – auch für die Schweiz
Apropos Nachfragen: In der Schweiz hat Prevost schon einmal die feine Klinge der Irritation gespürt. Es ging – natürlich – um Missbrauch. Und um Jean Scarcella, einen Abt, der von Rom zurechtgewiesen wurde, sich dann selber aus dem Amt nahm und plötzlich wieder da war. Nicht wie Jesus nach drei Tagen, sondern mehr wie ein Geschäftsführer nach einem PR-Sabbatical.
Die Schweizer Bischofskonferenz war irritiert – was im vatikanischen Vokabular fast so klingt wie «steht kurz vor der Rebellion». Dass Prevost als Präfekt des Bischofsdikasteriums da seine Finger im Spiel hatte, zeigt vor allem eins: Der Mann versteht etwas von der Kunst des Nicht-Kommunizierens. Eine Fähigkeit, die im Vatikan bekanntlich hoch im Kurs steht.
Leo XIV. – der Papst der Unschärfe
Was wird er nun tun, dieser Leo XIV.? Wird er Franziskus’ Gratwanderung zwischen Dogma und Menschenverstand fortführen oder sich lieber auf sichere Berge zurückziehen, wo man keine Regenbogenfahnen sieht?
Man weiss es nicht. Man ahnt es auch nicht. Denn Prevost ist ein Papst der Unschärfe. Einer, der sich gerne bedeckt hält. Vielleicht, weil er gelernt hat, dass klare Worte in Rom schneller auf dem Index landen als schlechte Gemälde.
Aber vielleicht – ganz vielleicht – ist gerade das seine Stärke. Ein Papst, der nicht alles weiss, aber alles wissen will. Einer, der kein kleiner Prinz sein will, sondern ein grosser Moderator. Wenn er es schafft, die Kirche nicht nur zu verwalten, sondern tatsächlich zu bewegen, dann wäre das ein kleines Wunder.
Und falls nicht – nun ja. Dann bleibt er wenigstens der erste Papst, der sowohl Differentialgleichungen als auch Dogmen analysieren kann. Und das ist ja auch etwas.
Oder etwa nicht?
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