1. Plagiat? Passt scho!
Ach, die SVP. Diese Partei ist wirklich ein Geschenk, das immer wieder unter dem Christbaum der Schweizer Politik auftaucht – hübsch verpackt in Trachtenjanker und rhetorischer Lawine. Und wie bei so manchem Geschenk fragt man sich: Meinen die das jetzt ernst? Oder ist das Satire?
Henrique Schneider. Der Mann, der dachte, er könne sich mit Copy-Paste durch den akademischen Dschungel schummeln, ohne dass es jemand merkt. Und als es dann auffliegt – also nicht irgendwie ein bisschen, sondern mit der Subtilität eines Presslufthammers – reagiert er mit einem nicht ganz professoralen «Who cares?». Ehrlich gesagt: Ich. Und noch ein paar andere Leute mit einem Restfunken Respekt gegenüber Wissenschaft und Anstand.
Beginnen wir bei der Doktorarbeit. Ein Titel, so spröde wie ein Bundesordner: «Indifferenz, Gegnerschaft, Identität: Veränderungen im politischen Verhältnis von Dorf und Staat im Kosovo.» Ich weiss ja nicht, wie es Ihnen geht, aber das klingt schon beim ersten Lesen nach etwas, das man lieber abschreibt, als selbst zu schreiben. Was er offenbar auch dachte. Ganze Absätze kopiert – ohne Quellenangabe. Das ist nicht nur ein bisschen geschummelt, das ist akademischer Grand Theft Auto. Nur halt ohne PS, aber mit verdammt viel BS.
Und wie reagiert das Schweizer Polit-System? Gibt ihm die SVP den Generalsekretärsposten. Weil, warum auch nicht. Wenn man sich schon nicht mit echtem Leistungsausweis durchsetzen kann, dann wenigstens mit dreister Ignoranz. Man könnte fast meinen, der Lebenslauf war zu sauber – da musste noch ein bisschen Dreck rein, damit er parteikompatibel wird.
Aber das Schönste ist ja Schneiders Reaktion auf den Entzug des Professorentitels durch das deutsche Wissenschaftsministerium. «Who cares?» – eine rhetorische Meisterleistung zwischen pubertärem Trotz und intellektuellem Bankrott. Es ist diese feinsinnige Mischung aus Arroganz und Selbstentleibung, die einem fast wieder Respekt abringt. Fast.
Natürlich könnte man jetzt sagen: «Ach komm, es war doch nur eine Dissertation.» Stimmt. Eine Dissertation, die man sich in mühsamer Kleinarbeit erarbeitet. Die vielleicht nicht die Welt verändert, aber doch zeigt, dass man zu selbstständigem Denken und Arbeiten fähig ist. Also etwas, das man von einem Generalsekretär einer nationalkonservativen Partei eigentlich erwarten dürfte – oder? Gut, vielleicht ist das zu idealistisch gedacht. Vielleicht geht es der SVP mehr um den Titel als um den Inhalt. So wie bei Fondue – Hauptsache es qualmt.
Und dann war da noch die Ausrede mit den Hobbys. Er habe die akademische Arbeit ja nur als Freizeitbeschäftigung betrieben. Das klingt ein bisschen wie: «Ja, ich hab halt ein paar Van Gogh-Gemälde nachgemalt, ist doch nur ein Hobby, chillt mal.» Wenn man das nächste Mal im CV steht «Hobby: Plagiieren», weiss man: das ist kein Bug, das ist ein Feature.
Aber im Ernst – was sagt das über unsere politische Kultur aus, wenn jemand trotz (oder wegen?) einer solchen Geschichte immer noch als politischer Stratege agiert? Es sagt, dass Inhalte zweitrangig sind. Dass Glaubwürdigkeit überschätzt wird. Und dass man selbst beim Abschreiben nicht durchfällt, solange man die richtigen Parolen brüllt.
Doch machen wir uns nichts vor: Diese ganze Farce wäre ja fast schon wieder sympathisch, wenn sie nicht so traurig wäre. Denn während Schneider öffentlich «Who cares?» murmelt, sind es dieselben Kreise, die gerne mal von «Leistungsgesellschaft» schwafeln, von «Eigenverantwortung» und natürlich von der «Abgehobenheit der Eliten». Das mit der Verantwortung scheint allerdings schnell wieder vorbei zu sein, sobald’s ans eigene Versagen geht. Da ist man dann lieber Opfer der linken Elite-Verschwörung oder – ganz modern – woke Cancel Culture. Oder einfach ein unverstandener Genie-Hobbyplagiator.
Ich frage mich, ob das Parteibüro der SVP bald umgetauft wird. Vielleicht in: «Copy & Paste GmbH». Oder «Alternative Fakten AG». Oder ganz einfach: «SVP – Schweizer Vereinigung der Plagiatoren».
Aber vielleicht ist das ja genau das Erfolgsrezept: Alles nicht so ernst nehmen. Wissenschaft? Pfff. Wahrheit? Ach was. Moral? Wie langweilig. Lieber ein bisschen provozieren, ein bisschen empört lachen, ein bisschen am Fundament der Glaubwürdigkeit sägen. Und wenn jemand fragt, wie das alles sein kann, dann sagt man halt: «Who cares?»
Ich schon. Nicht weil ich Schneider irgendeinen Titel neide. Sondern weil es eben doch einen Unterschied macht, ob man sich ehrlich durchbeisst oder einfach frech durchmogelt. Und weil man sich wünschen würde, dass Leute, die Führungsverantwortung übernehmen, auch ein Minimum an Integrität mitbringen.
Aber gut – vielleicht ist das zu viel verlangt in einem Land, in dem man mit einem Alpenpanorama im Hintergrund alles verkaufen kann. Sogar ein Plagiat.
Immer wieder lustig, diese SVP. Wenn’s nicht so tragisch wäre.
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