1. Glänzende Küchen, faule Führung
Von aussen sieht alles makellos aus: Hochglanzfronten, Edelstahlgriffe, perfekte Spaltmasse. Willkommen bei Forster Küchen. Doch hinter der polierten Oberfläche gammelt es gewaltig. 135 Angestellte warten seit Wochen auf ihren Lohn – und die Führungsriege schweigt, vertröstet, redet sich raus.
Was läuft hier eigentlich falsch?
800’000 Franken schuldet der Thurgauer Küchenbauer seinen Mitarbeitenden. Der April-Lohn bleibt aus, die Leasingautos müssen plötzlich zurückgegeben werden – schriftlich mit Frist bis Freitagmittag. Die Belegschaft ist verunsichert, der Betrieb bröckelt: Nur zwei Drittel erscheinen noch zur Arbeit. Es braucht kein betriebswirtschaftliches Studium, um zu erkennen: Da läuft etwas massiv schief.
Doch ausgerechnet in diesem Moment tauchen Namen auf, die jedem Alno-geschädigten Küchenbauer sauer aufstossen müssten: Andreas Sandmann und Ipek Demirtas. Zwei Figuren mit prominenter Vergangenheit im Desaster-Unternehmen Alno – jenem deutschen Küchenbauer, der 2017 spektakulär implodierte. 1400 Menschen verloren damals den Job. Und jetzt? Jetzt sitzen dieselben Personen wieder in leitender Funktion – diesmal bei Forster in Arbon. Und wieder sieht es nach kontrollierter Bruchlandung aus.
Und niemand hält sie auf?
Andreas Sandmann, seit Januar CEO von Forster, war damals Vertriebschef bei Alno. Seine Kollegin und heutige Finanzchefin Ipek Demirtas sass sogar im Vorstand – mitten im Chaos. Jetzt steht sie in Stuttgart wegen genau dieser Pleite vor Gericht. Mitangeklagt: der 78-jährige Max Müller, Ex-Vorstandsvorsitzender von Alno – und aktueller Verwaltungsratspräsident von Forster.
Man kann sich das nicht ausdenken: Dieselben Leute, die in Deutschland wegen Insolvenzverschleppung, Kreditbetrug und Bankrott angeklagt sind, führen heute einen Schweizer Küchenbauer. Als ob nichts gewesen wäre. Als ob man nur mal schnell die Firmenschilder wechselt – und weiter macht wie bisher.
Wieso dürfen die das noch?
Man muss sich ernsthaft fragen, wie es sein kann, dass solche Karrieren überhaupt möglich sind. Dass Menschen, gegen die 56 Anklagepunkte erhoben wurden, weiterhin über Arbeitsplätze und Millionenbeträge entscheiden dürfen. Dass niemand rechtzeitig sagt: «Stopp. Genug. Diese Leute haben ihr Vertrauen verspielt.»
Stattdessen erleben wir das alte Spiel: Demirtas betont, alle Verfahren seien bald abgeschlossen, man sei zuversichtlich. Müller erklärt unter Tränen, dass er mit 78 Jahren noch arbeiten müsse, um seine medizinischen Behandlungen zu bezahlen. Tragisch? Vielleicht. Aber mehr noch: bezeichnend für eine Chefetage, die sich konsequent selbst als Opfer inszeniert – während sie gleichzeitig die Realität ihrer Angestellten ignoriert.
Wie oft denn noch?
Wie viele Male wollen wir noch zusehen, wie in der Chefetage gepfuscht, getrickst und verdrängt wird, während am anderen Ende der Wertschöpfungskette echte Existenzen auf dem Spiel stehen? Die Monteure, die Sekretärinnen, die Auszubildenden – sie alle werden zur Nebensache, wenn sich die Geschäftsleitung in ihre Juristen-Antworten verkriecht und auf bessere Tage hofft.
Man stelle sich vor, ein Betrieb schuldet einer Bank 800’000 Franken. Die Reaktion? Sofortige Eskalation, Gericht, Pfändung. Aber wenn 135 Menschen auf ihren Lohn warten, gibt es keine Konsequenzen – nur Vertröstungen. Tag für Tag. Woche für Woche. Das ist nicht nur untragbar. Es ist eine Farce.
Schweigen, solange’s geht?
In der Kommunikation nach aussen herrscht betretenes Schweigen. Oder besser gesagt: PR-Worthülsen. Es wird beschwichtigt, relativiert, heruntergespielt. Dabei ist die Lage längst dramatisch. Wer jetzt nicht handelt, gefährdet nicht nur einen Betrieb – sondern das Vertrauen in die Unternehmensverantwortung generell.
Und genau dieses Vertrauen ist es, das hier auf dem Spiel steht. Forster ist kein Startup mit naiver Geschäftsführung. Hier sitzen erfahrene Manager am Ruder – Menschen mit jahrzehntelanger Branchenerfahrung. Und doch scheint es, als hätten sie nichts gelernt. Oder schlimmer: als sei es ihnen egal.
Ist das noch Führung – oder schon Fahrlässigkeit?
Vielleicht liegt genau darin das Problem. Wenn Führungsetagen nur noch aus Juristen, Beratern und Selbstdarstellern bestehen, bleibt für das Menschliche kaum Platz. Und für Verantwortung schon gar nicht. Dann ist ein verpasster Zahltag keine Tragödie, sondern ein Zahlungsverzug mit „kommunikativer Herausforderung“. Dann werden Mitarbeitende zu Zahlen, zu Risiken, zu Kollateralschäden.
Aber so funktioniert kein Betrieb. Nicht im Thurgau, nicht in der Schweiz, nirgends. Eine Firma, die ihre Leute nicht bezahlt, hat ihr Existenzrecht verloren. Punkt. Und wenn die Köpfe dahinter bereits in einem anderen Land für ein ähnlich fragwürdiges Kapitel auf der Anklagebank sitzen, dann darf man zu Recht fragen: Wie zur Hölle konnte das wieder passieren?
Fazit: Die nächste Pleite ist schon eingebaut
Forster Küchen steht exemplarisch für ein Systemversagen. Für Führungspersonal, das trotz ruinöser Vergangenheit immer wieder in neue Machtpositionen schlüpfen darf. Für Kontrollinstanzen, die zu spät – oder gar nicht – reagieren. Und für eine Öffentlichkeit, die langsam, aber sicher die Geduld verliert.
Wir brauchen nicht noch mehr hochglanzpolierte Imagekampagnen, nicht noch mehr wortreiche Interviews über “Restrukturierung” und “Zukunftsperspektiven”. Wir brauchen Verantwortung. Jetzt.
Denn eines ist sicher: Die nächste Hochglanzküche kann noch so edel wirken – wenn sie auf einem Fundament aus Schulden, Vertrauensbruch und juristischer Wackeligkeit steht, dann fällt sie früher oder später zusammen. Und diesmal wird niemand mehr sagen können, er habe es nicht kommen sehen.
Kommentare