1. Gaudenz, zieh Leine.
Manchmal fragt man sich wirklich, was Leute wie Gaudenz Lüchinger morgens zu sich nehmen. Wahrscheinlich eine Scheibe Landjäger mit einem grossen Schluck Selbstüberschätzung.
Da sitzt also ein SVP-Ortspräsident aus Birrhard – das ist kein Witz, das gibt’s wirklich – an seinem Computer und schreibt einer national bekannten Politikerin eine Mail. Inhalt: Sie soll bitte ihren „geschenkten“ Schweizer Pass zurückgeben, zurück in ihr „Herkunftsland“ verschwinden und, jetzt kommt’s, lieber bald ausreisen, „bevor man dich mit anderen Mitteln an der Zerstörung unserer Eidgenossenschaft hindern muss“.
Das ist keine Meinung, das ist ein verbaler Schlag ins Gesicht – eingepackt in pseudo-höfliche Worthülsen, unterschrieben mit „freundlichst“. So freundlich wie eine rostige Mausefalle.
Der Mann ist Vizeammann in einer Gemeinde, die man mit etwas Pech nicht mal findet, wenn man schon drin steht. Und trotzdem glaubt er, er könne bestimmen, wer dazugehört. Dass er sich mit diesem Auftritt politisch komplett disqualifiziert hat, scheint ihm nicht klar zu sein – er steht sogar dazu. Öffentlich. Unverblümt. In Interviews.
Und man fragt sich: Wie kommt man auf die Idee, einem politischen Gegner mit „anderen Mitteln“ zu drohen? In welchem Paralleluniversum ist das okay? In welcher Welt ist das Ausdruck von Anstand und Respekt, wie es in der Mail zu Beginn grossspurig eingefordert wird?
Die Antwort ist einfach: In der Welt der SVP, wo man sich für das Zentrum des Landes hält, aber gleichzeitig ständig das Gefühl hat, es werde einem alles weggenommen. Und wenn dann eine Frau mit Migrationshintergrund, die klug, laut und unbequem ist, politische Ideen einbringt, die nicht ins Heimatschutz-Bild passen, wird sofort der Pass auf den Tisch geworfen. Als wäre das ein Leihvertrag mit Rücktrittsklausel.
Zur Klarstellung: Ich bin kein grosser Fan von Sanija Ameti. Ihre Auftritte sind oft drüber, manchmal eitel, manchmal unnötig provokativ. Aber sie bewegt sich im demokratischen Rahmen. Sie nutzt ihr Recht auf Meinungsäusserung. Und sie macht das, was Demokratie ausmacht: Sie beteiligt sich. Sie fordert heraus. Sie widerspricht. Und das ist absolut legitim.
Was Gaudenz Lüchinger macht, ist das Gegenteil davon. Das ist keine demokratische Auseinandersetzung. Das ist Einschüchterung, Hetze, rassistisch unterfütterter Dünkel. Da wird suggeriert, dass es eine Art „echte“ Schweiz gibt – und eine „unechte“, die man nur toleriert, solange sie leise bleibt.
Was der Mann da geschrieben hat, ist an Niedertracht kaum zu überbieten. Und es ist ein beängstigendes Zeichen dafür, wie salonfähig diese Rhetorik mittlerweile geworden ist. Früher hat man solche Sätze mit Tipp-Ex aus Leserbriefen entfernt. Heute schickt man sie per E-Mail mit Absender und Funktion.
Und wo bleibt die SVP? Na wo wohl. Die Partei, die bei jedem Genderstern hyperventiliert und bei jeder Randbemerkung über „alte weisse Männer“ sofort die Untergangsglocken läutet, schweigt. Kein Wort. Kein „das geht zu weit“. Kein „wir distanzieren uns“. Nichts. Wahrscheinlich nickt man hinter vorgehaltener Hand.
Aber man muss das Kind beim Namen nennen: Wenn jemand mit einem politischen Amt einer Mitbürgerin schreibt, sie möge sich verpissen, bevor man sie rauswirft – dann ist das keine Meinungsäusserung. Das ist geistiger Müll. Und der gehört in die Tonne, nicht in die Öffentlichkeit.
Was bleibt, ist das ungute Gefühl, dass wir uns daran gewöhnen sollen. An die Lüchingers dieser Welt. An ihre Hass-Mails, ihre „Ich sage nur, was alle denken“-Attitüde, ihre Heimatschutz-Phantasien mit Drohpotenzial. Nein, danke.
Es wäre an der Zeit, dass jemand Herrn Lüchinger erklärt: Die Schweiz gehört nicht dir. Nicht deiner Partei. Nicht deiner Ortssektion mit Vereinslogo und Sonnenaufgang. Die Schweiz gehört uns allen. Auch denen, die dir nicht gefallen. Gerade denen.
Wenn du damit nicht klarkommst, Gaudenz, dann gib du doch etwas zurück – zum Beispiel dein Amt. Oder zumindest deinen Internetzugang.
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