1. Sackgeld statt Salär – Die neue Schweizer Lohnfantasie
Kann es sein, dass der das falsche Kraut geraucht hat?
Ich mein’s ernst. Was hat Arbeitgeber-Direktor Roland A. Müller da geritten? Hat er auf dem Weg zur Anhörung versehentlich im Zelt eines Reggae-Festivals übernachtet? Oder denkt er wirklich, dass ein Lohn nicht zum Leben reichen muss? Dass das dann halt einfach das Sozialamt übernimmt, so nach dem Motto: „Hey Staat, übernimm du mal den Rest – ich geb ihm 3’200 Stutz, der Rest ist ja deine Party.“?
Man könnte lachen, wenn’s nicht so bitter wäre. Das Ganze klingt wie ein makaberer Witz, geschrieben von jemandem, der noch nie im Leben am Ende des Monats Rechnungen gestapelt hat. Und jetzt kommt Müller um die Ecke und sagt sinngemäss: „Löhne zum Leben? Sorry, dafür sind wir nicht zuständig. Dafür gibt’s ja die Sozialhilfe.“
Ab jetzt heisst’s: Arbeiten bis zum Hungertod
Ich weiss ja nicht, was für eine Wirtschaft Müller sich da vorstellt. Eine, in der Arbeitnehmende dankbar sein sollen, überhaupt einen Job zu haben – auch wenn sie sich damit nicht mal ein Sandwich beim Beck leisten können? Willkommen im Jahr 1880, Herr Müller! Damals hat man auch geglaubt, ein bisschen Armut sei ein hervorragendes Mittel zur Disziplinierung der unteren Schichten.
„Die Wirtschaft kann nicht alles leisten“
Klar, das alte Mantra der Wirtschaftskreise: Die Unternehmen sind keine Wohltätigkeitsanstalten. – Ja, mein Gott, das verlangt ja auch keiner. Niemand sagt, dass jeder Betrieb auf einmal Zürcher Banker-Löhne zahlen soll. Aber ein Lohn, von dem man nicht zum Sozialamt rennen muss, wenn man 100% schuftet – das sollte doch bitte Mindestvoraussetzung sein, und kein Luxusgut wie Cüpli an der Bahnhofstrasse.
Müller hat also Angst, dass gewisse Jobs dann „verschwinden“, wenn man sie fair bezahlen müsste. Klingt ein bisschen so, als ob man sich darüber beklagt, dass es halt keine Kinderarbeit mehr gibt, weil der Mindestlohn zu hoch ist. Was soll denn das für ein Argument sein? Wenn sich ein Job nur rechnet, wenn man die Leute ausnimmt – dann gehört er halt abgeschafft.
Sozialhilfe als Businessmodell?
Und der Gipfel: „Da muss halt die Sozialhilfe einspringen.“ – Mit Verlaub: Haben wir uns schon so sehr daran gewöhnt, dass der Staat die Sauerei aufräumt, die andere hinterlassen? Das ist doch genau das Prinzip, mit dem Banken gerettet wurden und Grosskonzerne ihre Gewinne ins Ausland verschieben – aber wehe, die Reinigungskraft will 23 Franken pro Stunde.
Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Arbeitgeberschaft, sagt Müller. Ich frag zurück: Wie steht’s um die ethische Leistungsfähigkeit? Oder um die intellektuelle? Weil wer ernsthaft findet, dass sich ein Vollzeitjob nicht lohnen muss, sollte sich vielleicht besser als Feudalherr in ein historisches Freilichtmuseum versetzen lassen – mit Audioguide, der erklärt, wie moderne Sklaverei funktioniert.
Jacqueline Badran, die rote Ritterin
Respekt an dieser Stelle an SP-Nationalrätin Jacqueline Badran. Ihre Antwort war messerscharf wie ein Fonduegabel-Angriff auf einer SVP-HV: „Wer keine existenzsichernden Löhne zahlt, ist entweder eine miese Unternehmerin oder ein hinterlistiger Ausbeuter.“ Ich hätt’s nicht schöner sagen können.
Denn genau das ist ja der Punkt: Wer tiefere GAV-Löhne mit dem Segen des Staates durchdrücken will, tut dies nicht, weil er den Menschen Gutes will. Sondern weil es ein verdammt günstiger Weg ist, den eigenen Profit auf Kosten anderer zu steigern.
Die neue Verantwortungslosigkeit im Sakko
Früher hatte Verantwortung wenigstens noch etwas mit Anstand zu tun. Heute scheint’s zu heissen: „Solange ich dem Staat ein paar Steuern zahle, darf ich beim Personal sparen, bis sie mir auf den Zahnfleisch ins Büro kriechen.“ Und wenn sie dann zusammenbrechen, kommt halt die IV. Oder das Sozialamt. Oder irgendeine Stiftung.
Was für ein kruder Mix aus Neoliberalismus und sozialer Verwahrlosung. Und alles schön verpackt in PR-Deutsch: Man sorge sich um die Sozialpartnerschaft. Na dann, Prost!
Und was, wenn wir mal umdrehen?
Nur so als Gedankenspiel: Was wäre, wenn wir den Spiess mal umdrehen? Was, wenn das Sozialamt einfach sagt: „Lieber Herr Müller, ihre Firma zahlt keinen existenzsichernden Lohn? Tut uns leid. Dann kriegen Sie auch keine staatlichen Fördergelder mehr. Keine Infrastruktur. Keine Strassen für Ihre Lastwagen. Kein Steuerabzug für Ihren schicken E-SUV.“ Wetten, plötzlich ginge das ganz fix mit den fairen Löhnen?
Fazit: Wir brauchen nicht weniger Staat – wir brauchen mehr Rückgrat
Wenn jemand nach 40 Stunden Arbeit pro Woche nicht weiss, ob er seine Miete zahlen oder die Krankenkasse decken kann, dann läuft was grundfalsch. Und wer das als „nicht Aufgabe der Arbeitgeber“ wegwischt, macht sich nicht nur moralisch lächerlich – sondern outet sich als das, was er vielleicht gar nicht sein will: Ein Vertreter einer Klasse, die Gewinne privatisiert und Verantwortung delegiert. Hauptsache, das Salär für die Teppichetage stimmt.
Oder um es anders zu sagen: Wer nicht zahlen will, soll den Laden selber putzen. Und dann bitte schön für 19.80 pro Stunde. Brutto. Ohne Ferien.
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