Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Der letzte Lacher – und keiner lacht

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 11.06.2025 18:52
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Wer war nochmal Stefan Raab? Irgend so ein Fernseh-Clown aus den Nullerjahren, oder? Der mit dem Maschendrahtzaun, dem Turmspringen, dem Rumblödeln auf ProSieben. Der Typ, der früher mal jede zweite Idee im deutschen Fernsehen erfunden hat – oder wenigstens so tat. Dann war er plötzlich weg. Zehn Jahre Sendepause. Und nun, tadaa: das grosse RTL-Comeback. Gekrönt von einem fulminanten Bauchklatscher. Das zweite Mal in kurzer Zeit. Ich schrieb am 26. Februar 2025 schon: „Ein Comeback, das keiner brauchte.“ Jetzt sag ich: „Ein Comeback, das keiner vermisst.“

32 Folgen. Dann hat RTL die Reissleine gezogen. Das neue Format «Du gewinnst hier nicht die Million» (der Titel allein schreit schon: „Keiner wollte das schreiben – aber keiner hat’s gestoppt“) ist offiziell gescheitert. Kein Quotenbringer, kein Kultfaktor, kein Hauch von Raabs früherem Glanz. Nicht mal ein schmerzvoller Fremdschammoment à la Wok-WM. Einfach: nichts. Stattdessen: Fremdwerbung, Verlegenheitsgäste und ein Studio, das aussieht wie die Resterampe von RTLs Requisitenkeller.

Der Mann, der zu viel durfte

90 Millionen Euro. Für dieses Fiasko. Für ein bisschen Quiz, ein bisschen Stand-up, ein bisschen peinliches Herumgekaspere. Die Verantwortlichen bei RTL müssen unter einer schweren Nostalgieallergie leiden. Wer bitte gibt Raab im Jahr 2024/25 einen Vertrag über vier Jahre? Haben die alle kollektiv „Blamieren oder Kassieren“ gespielt und verloren?

Man hätte ahnen können, was kommt. Raab war nie jemand, der sich neu erfinden konnte. Er war das, was man einmal als «zeitgeistig» feierte. Aber Zeitgeist verfliegt. Und während das Publikum von heute längst auf anderen Kanälen rumdümpelt (TikTok, Twitch, irgendwo bei den Rocket Beans vielleicht), steht da dieser bald 60-jährige Altmoderator und tut so, als wäre 2003 nie vorbei gewesen.

Der Bachelor winkt – Raab winkt ab

Und wie verabschiedet sich dieser grosse Entertainer nun aus seiner gross angekündigten Rückkehr? Mit einem Bachelor-Special. Kein Scherz. Zwei Typen mit Frisuren von 2016, 26 Kandidatinnen mit Namen wie Candy, Chiara oder Chantalle – und Raab mittendrin, als Werbeträger. Für eine andere RTL-Sendung.

Nicht einmal das Wort «Abschied» kommt ihm über die Lippen. Nein, Raab tut so, als sei das Ganze bloss eine kleine Sommerpause. Dabei hat RTL längst offiziell verkündet, dass es nicht weitergeht. Das ist ungefähr so, als würde ein Busfahrer nach einem Totalschaden verkünden: «Wir steigen jetzt kurz aus, im September geht’s dann weiter.» Äbe nöd.

Raabs letzte Rolle: Quotenkoma mit Ansage

Was war das eigentlich für eine Sendung? «Du gewinnst hier nicht die Million» war eine Art Zirkus ohne Zirkusdirektor. Ein Mix aus zu viel und zu wenig. Ein Sammelsurium aus Restideen, lauwarm aufgewärmt. Spiele ohne Reiz, Witze ohne Timing, Gäste ohne Charme. Stefan Raab wirkt dabei wie ein Mann, der versehentlich in seine eigene Parodie geraten ist – und sich dort nicht mehr rausfindet.

Es ist fast tragisch. Der Mann, der einst mit Gehirnfurzen wie «Schlag den Raab» das Samstagabendfernsehen gerettet hat, steht heute sinnbildlich für dessen Untergang. RTL wollte mit ihm RTL+ pushen – und was haben sie gekriegt? Einen Flop, der sogar den Streamingdienst noch tiefer ins digitale Niemandsland geprügelt hat.

Und jetzt? Raab Reloaded?

Nach dem Fiasko soll es im Herbst weitergehen. Mit einer neuen Show. Man munkelt, Raab werde eher im Hintergrund tätig sein. Vielleicht bastelt er dann wieder an Konzepten. Vielleicht darf er das Licht an- und ausschalten. Oder die Namensschilder drucken. Wer weiss das schon.

Klar ist nur: RTL hat offenbar noch Hoffnung. Und Geld. Comedy und Gameshow sollen künftig getrennt werden, heisst es. Vielleicht auch Raab und Bildschirm. Wär keine schlechte Idee.

Fazit: Legenden altern schlecht – besonders im Scheinwerferlicht

Raab hätte in Erinnerung bleiben können als der Typ, der rechtzeitig gegangen ist. Der, der ProSieben mit einem Knall verliess. Der, der Regina Halmich verkloppt hat. Der, der ein Gespür für Timing hatte.

Jetzt bleibt er in Erinnerung als der, der es nochmal wissen wollte – und niemand wollte’s wissen. Als der, der zurückkam – und keiner hat ihn vermisst. Als der, der ging – aber leider nicht endgültig.

Vielleicht war’s das jetzt ja wirklich. Vielleicht zieht sich der Fernseh-Phönix endlich zurück in sein Nest aus alten TV-Trophäen und selbstironischen Clips. Und wenn er nochmal zurückkommt? Dann hoffentlich als Jurymitglied bei The Masked Pensionist – das wär wenigstens ehrlich.

Falls es noch eine dritte Kolumne zu Raab braucht: Vielleicht über den Moment, wenn RTL merkt, dass auch das neue Format floppt. Ich nenne sie dann:
„Ein Vertrag, der keiner unterschreiben wollte.“

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