Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Die Zukunft war früher auch besser

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 08.07.2025 23:23
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Früher war alles besser. Sogar die Zukunft.

Damals, in der guten alten Zeit, als wir noch Zukunft hatten. Nicht die abgewetzte, ausgeleierte Karikatur von Zukunft, die uns heute als Fortschritt verkauft wird. Nein, ich meine die echte Zukunft. Die mit fliegenden Autos, Kolonien auf dem Mars und Robotern, die den Abwasch machen. Stattdessen kriegen wir E-Scooter, Influencer mit dem IQ einer Topfpflanze und die 147. Streamingplattform mit Serien, die aussehen wie das Drehbuch von ChatGPT nach einem Schlaganfall.

Was ist passiert?

Zukunft war mal ein Versprechen. Jetzt ist sie ein Update. Früher dachten wir, in der Zukunft würden Maschinen uns dienen – jetzt beten wir sie an, weil sie den Wetterbericht für den nächsten Dienstag in Lausanne vorhersagen können. „Smart“ nennt man das. Das Telefon ist smart, der Kühlschrank ist smart, die Zahnbürste ist smart. Nur der Mensch, der all das bedient, wird von Jahr zu Jahr dümmer.

Früher war Zukunft eine Vision. Heute ist sie eine App mit Abo-Modell.

Man erinnere sich: Es gab eine Zeit, da freute man sich auf das Jahr 2000 wie ein Kind auf Weihnachten. Alles sollte anders, alles sollte besser werden. Wir bekamen Windows ME und das neue Jahrtausend mit einem Kater. Die Millennium-Bugs waren nicht in den Computern, sondern in den Köpfen. Und als man dann endlich begriff, dass es keine Jetpacks geben würde, hat man sich halt an Elektrotrottis erfreut, als wär’s der Messias auf zwei Rädern.

Und dann die ganze Technikhörigkeit. Die Leute sitzen mit künstlicher Intelligenz auf dem Schoss und merken nicht, dass sie ihre natürliche längst an der Garderobe abgegeben haben. Es gibt Menschen, die lassen sich ernsthaft von Chatbots die Liebe erklären. Früher nannte man das Geisteskrankheit, heute ist es digitaler Lifestyle.

Und während wir in dieser „Zukunft“ herumstolpern wie ein betrunkener Cyborg, tun wir so, als wäre das alles alternativlos. Klimakatastrophe? Wird schon irgendein Startup mit einer App regeln. Wohnungsnot? Einfach mal ein Tiny House im Niemandsland. Altersvorsorge? NFT kaufen, hoffen, beten. Hauptsache man hat den passenden Filter für die Instagram-Story.

Manchmal fragt man sich, ob Orwell sich geirrt hat. Vielleicht kommt die Dystopie ja nicht mit Überwachung und Repression, sondern mit Push-Mitteilungen und Katzenvideos. Eine Welt, in der keiner mehr denkt, weil das WLAN gerade stabil ist.

„Die Zukunft war früher auch besser.“
Ja. Und sie hatte ein Design. Heute sieht Zukunft aus wie ein Wartezimmer mit Touchscreen. Alles ist grau, steril, flach. Die 1960er stellten sich das Jahr 2000 vor wie eine elegante Science-Fiction-Oper. Heute sieht das Jahr 2025 aus wie ein überteuertes Coworking-Space in Spreitenbach.

Selbst die Sprache ist nicht mehr zukunftstauglich. Damals sprach man von Visionen, Entwürfen, Revolutionen. Heute sagt man: „Wir sind im Dialog.“ Oder: „Das ist Teil eines agilen Prozesses.“ Übersetzt heisst das: Keiner hat einen Plan, aber wir tun so, als wäre das Absicht.

Natürlich gibt es Fortschritt. Aber er riecht seltsam. Statt den Hunger in der Welt zu besiegen, bauen wir Burger aus Druckertinte. Statt Mobilität neu zu denken, bauen wir Autos, die so schwer sind wie Panzer und dabei so elektrisch wie ein Taschenrechner mit Solarzelle. Und wer keinen Tesla hat, ist kein Mensch, sondern ein fossiles Relikt aus der analogen Steinzeit.

Früher war man stolz auf seine Stereoanlage. Heute flüstert Alexa deine Playlists dem Staubsauger zu. Und wehe du sagst „Nein“ zu den Nutzungsbedingungen – dann wirst du von deiner eigenen Lampe gecancelt.

Und was machen die Menschen? Sie halten das alles für normal. Sie scrollen, klicken, swipen, bis das Hirn Brei ist und die Augen viereckig. Zukunft heisst nicht mehr träumen, sondern optimieren. Alles muss schneller, effizienter, cleaner sein. Aber der Mensch bleibt dabei auf der Strecke, irgendwo zwischen Burnout und Datenschutzrichtlinie.

Dabei wär’s so einfach. Ein bisschen weniger Algorithmus, ein bisschen mehr Anstand. Weniger Silicon Valley, mehr gesunder Menschenverstand. Aber vielleicht ist genau das der Punkt: Die Zukunft war früher besser, weil die Menschen früher noch wussten, dass sie sie selbst gestalten müssen. Heute lassen sie sich von Updates überraschen.

Und wenn dann wieder einer mit glänzenden Augen erzählt, was die KI bald alles können wird, dann möchte man ihm eine Schallplatte an den Kopf werfen. Einfach so, aus Prinzip.

Denn die Zukunft war früher auch besser.
Nicht, weil sie realer war.
Sondern weil wir noch den Mut hatten, sie uns vorzustellen.

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