1. Entköppeln für Anfänger – oder wie man mit Steuergeld öffentlich den Verstand verliert
Es gibt Vögel. Und dann gibt’s Roger Köppel und Philipp Ruch. Zwei Prachtexemplare, wie sie im Lehrbuch für politisch-kulturelle Selbstinszenierung stehen. Der eine flattert mit der Weltwoche durchs rechtspopulistische Unterholz, der andere stolziert mit pseudo-philosophischer Moralkeule über die Bühne. Und wenn die beiden aufeinandertreffen, wird’s laut, dumm – und teuer.
Das Zürcher Theater Neumarkt durfte das jüngst am eigenen Portemonnaie spüren: 50’000 Franken Subventionskürzung. Warum? Weil es in einer Performance zur „Entköppelung der Schweiz“ kam – samt öffentlicher Verfluchung von Köppel. Kein Witz. Für ein paar kunstvoll inszenierte Hassrituale mussten dann also plötzlich kantonale Stellen herhalten, die sich wohl fragten, ob das alles noch von dieser Welt ist oder schon vom Bundesamt für abgebrochene Satire stammt.
Federführend bei diesem intellektuellen Schwanengesang: Philipp Ruch. Der Mann, der schon mal in einer Anzeige zur Tötung Roger Köppels aufgerufen hat – natürlich rein künstlerisch, versteht sich. Ironisch. Symbolisch. Irgendwie halt. Die Staatsanwaltschaft sah das auch so und winkte den „Mordaufruf“ als Performancekunst durch. Weil ja niemand ernsthaft glaubt, dass Ruch mit dem Schwert in der Hand vor Köppels Villa lauert. Obwohl: Bei dem Kerl wär ich mir nicht mal da ganz sicher.
Ruch, selbsternannter Philosoph, ist das, was passiert, wenn man Sartre liest, aber heimlich ein Faible für Monty Python hat. Seine Aktionen sind stets laut, pathetisch, moralisch aufgeladen – und so subtil wie ein Pflasterstein durchs Kirchenfenster. Sein Publikum: urban, links, intellektuell erregbar. Seine Mission: Die Welt retten, indem man sie möglichst plakativ beleidigt.
Und dann Roger Köppel. Der intellektuelle Flugsaurier der SVP. Er sieht sich selbst als letzte Bastion bürgerlicher Vernunft, wird aber von der eigenen Wutorgel oft schneller überrollt als ihm lieb ist. Auf Ruchs Aktion antwortete er gewohnt souverän per SMS: „Die Aktion zeigt einfach, wie unglaublich primitiv der subventionierte Kulturbetrieb ist.“ Ja, Herr Köppel, das mag sein – aber ihr Facebook-Feed ist auch nicht gerade ein humanistisches Leuchtturmprojekt. Wer täglich mit Benzin auf Empörungslagerfeuer pinkelt, sollte bei Gegenwind nicht „Brandstiftung!“ rufen.
Natürlich liess sich die SVP das nicht entgehen und forderte: Alle Subventionen streichen! 5,4 Millionen Franken sollten weg. Zack. Fertig. Als wäre Kulturförderung ein Netflix-Abo, das man einfach kündigt, wenn einem eine Folge nicht passt. Dass der Regierungsrat das nicht durchwinkte, war wohl einer dieser seltenen Momente, in denen Vernunft nicht gleich mit dem Zug nach Kloten abgereist ist.
Was bleibt? Ein subventioniertes Theater, das sich als Widerstandszelle inszeniert und dabei unfreiwillig zur Parodie wird. Ein Politiker, der sich in seiner Opferrolle sonnt wie ein Aal im Jacuzzi. Und zwei Männer, die sich gegenseitig die mediale Reichweite aufblasen wie pubertierende Gockel im Schulhof.
Und wir? Wir zahlen dafür. Mit Steuern. Mit Aufmerksamkeit. Mit Hirnzellen.
Wäre es nicht schön, wenn einmal – nur ein einziges Mal – jemand eine solche Debatte gewinnt, ohne dabei das komplette Niveau zu versenken? Aber nein. Lieber bewerfen sich Künstler und Politiker weiter mit moralisch aufgeladenem Dreck, während das Publikum „Bravo!“ ruft oder kotzt. Je nach Geschmack.
Fazit: Wenn man die Schweiz wirklich „entköppeln“ will, sollte man vielleicht damit anfangen, sich nicht selbst als Ruch-Attrappe zu verkleiden. Denn wer Köppel kritisiert, indem er sich wie Köppel aufführt, hat am Ende vielleicht ein Theaterstück gewonnen – aber jede Glaubwürdigkeit verloren.
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