1. Rütli-Romantik mit Cervelat: Die Schweiz feiert sich selbst
Am 1. August lodern auf jedem Hügel Höhenfeuer, die Kinder fuchteln mit Knallerbsen herum, der Bundespräsident nuschelt etwas auf dem Rütli, das kein Mensch hören kann, und in den Gärten wird Grillgut geopfert, als wolle man dem Gott der Neutralität ein Lamm darbieten. Die Schweiz feiert Geburtstag. Nur: Sie ist gar nicht geboren worden. Jedenfalls nicht an diesem Tag.
Der 1. August ist unser Nationalfeiertag, weil man irgendwann beschlossen hat, dass das so ist. Warum genau? Wegen eines Dokuments, das vor über 700 Jahren irgendwer irgendwo verfasst hat – ein Verwaltungsakt, der etwa so glamourös war wie eine Parkplatzverordnung in Bern-Bümpliz. Der sogenannte Bundesbrief von 1291 enthält keine Freiheitsrufe, keine Schwerter, keine „Wir gründen jetzt die Schweiz“-Erklärung. Er war ein Sicherheitsbündnis. Man hätte genauso gut ein PDF draus machen können, mit „Kopie an: Uri, Schwyz, Unterwalden“.
Aber die Schweiz wäre nicht die Schweiz, wenn sie aus einem juristischen Feuchttuch nicht eine Heldensage schnitzen würde. Also hat man später, als der Nationalstaat erfunden wurde, die Geschichte rückwirkend episch aufgeladen. Plötzlich gab’s Schwerter, einen Schwur, das Rütli, patriotische Tränen. Friedrich Schiller, ein Deutscher notabene, hat uns in „Wilhelm Tell“ sogar den ultimativen Mythos aufs Auge gedrückt: mutige Männer, die sich bei Nacht und Nebel verschwören, um der Tyrannei die Stirn zu bieten. Klingt grossartig. Stimmt bloss nicht.
Der berühmte Rütlischwur? Hat nie stattgefunden. Es gibt keine Quelle, kein Dokument, keine Überlieferung, die belegt, dass drei Bauern auf einer Waldlichtung feierlich die Schweiz gegründet hätten. Und selbst wenn sie es getan hätten: Sie hätten keine Ahnung gehabt, was sie da gerade angeblich geschaffen haben. Die Eidgenossenschaft war jahrhundertelang ein loser Haufen von Kantonen, die sich gegenseitig nicht ausstehen konnten, ein Haufen Kleinstaaterei mit viel Misstrauen und noch mehr Söldnerverträgen.
Aber hey: Was wäre ein Land ohne sein Gründungsmärchen? Die USA haben ihren 4. Juli, die Franzosen die Bastille, und wir haben… einen Brief. Immerhin. Und damit daraus mehr wird als ein Stück Pergament mit schwurbeligem Latein, hat man ihm Pathos eingehaucht. 1891, zum 600-Jahr-Jubiläum, hat man das erste Mal richtig gefeiert. Damals war man ganz heiss auf Nation, Fahne, Vaterland. Und man brauchte dringend etwas, das verbindet. Da kam der 1. August gerade recht.
Seither feiern wir jedes Jahr ein Ereignis, das niemand gesehen hat, das in keinem Tagebuch steht und das historisch bestenfalls als Fussnote durchgeht. Und das tun wir mit einer Inbrunst, die geradezu rührend ist. Man zündet Raketen, steckt Kindern Schweizerfähnchen in die Hand, singt die Landeshymne (keiner kennt den Text) und isst Dinge, die nur an diesem Tag legitim sind: 1.-August-Weggen zum Beispiel, ein kulinarischer Witz mit Teig. Man redet sich ein, Teil einer grossen Tradition zu sein, obwohl der Nationalfeiertag selbst jünger ist als die Glühbirne.
Die Schweiz inszeniert sich am 1. August als patriotisches Paradies: friedlich, stark, frei, selbstbestimmt. Und übersieht dabei grosszügig, dass viele dieser Werte nicht aus dem Rütli, sondern aus mühsamer politischer Entwicklung stammen – oft gegen den Willen der damals Herrschenden. Frauenstimmrecht, Menschenrechte, Arbeitsrechte? Alles Errungenschaften der letzten Jahrzehnte. Aber auf dem Rütli redet man lieber von Freiheit, als müsste man die mühsamen Kapitel nicht auch feiern.
Vielleicht brauchen wir dieses Märchen, weil wir sonst nichts haben, worauf wir uns alle einigen können. Die Schweiz ist ein kompliziertes Konstrukt, ein Vielvölkerprojekt mit vier Sprachen, 26 Ego-Kantonen und mehr Abstimmungen als Netflix-Accounts. Ein bisschen Identitätskitsch tut da offenbar gut. Also tun wir so, als hätte es diesen legendären Schwur gegeben, lassen die Alphörner tröten und versöhnen uns bei Cervelat und Feuerwerk mit der historischen Wahrheit.
Ist das schlimm? Nein. Aber es ist entlarvend. Denn wenn man schon einen Nationalfeiertag feiert, dann sollte man wenigstens wissen, dass man sich da kollektiv selbst belügt – mit Anlauf und Pauken. Die Schweiz wurde nicht am 1. August 1291 gegründet. Sie wurde irgendwann irgendwie zu dem, was sie heute ist: ein pragmatisches Land, das sich selbst feiert, weil es nicht weiss, wie es sonst die Emotionen organisiert kriegen soll.
In diesem Sinne: Hoch die Gläser. Auf ein Land, das sich seinen Geburtstag selbst erfunden hat. Proscht.
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