Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Man sieht es mir nicht an

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 06.08.2025 05:18
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Ein persönlicher Einblick in ein Leben mit ADHS und Depressionen

Ich habe ADHS. Und ich habe Depressionen. Zwei Diagnosen, die nicht besonders spektakulär klingen – und trotzdem oft nicht ernst genommen werden.

ADHS begleitet mich seit meiner Kindheit. Damals hiess das noch POS – Psychische oder Organische Störung. Ich war lebendig, unruhig, leicht ablenkbar. Aber ich hatte Glück. Meine Lehrerinnen, Lehrer und Eltern wussten damit umzugehen. Ich bekam nie Ritalin, und rückblickend bin ich sehr dankbar dafür. Ich fühlte mich nie krank. ADHS war einfach ein Teil von mir – nicht immer einfach, aber auch nie dramatisch.

Ich kam zurecht. Ich hatte meine Strategien. Ich verpasste keine Termine, erledigte meine Aufgaben zuverlässig – wenn auch oft erst in letzter Minute, unter grossem innerem Druck. Es war nicht immer leicht, aber es ging.

Was viel schwieriger war – und bis heute ist: Dass ich nicht ernst genommen werde, wenn ich über meine Belastung spreche.

Es reicht nicht, zu „funktionieren“. Denn wenn ich mich dann doch mal öffne, wenn ich sage, dass es zu viel wird, dass ich innerlich erschöpft bin, überfordert, antriebslos – dann kommen oft die Reaktionen, die mehr verletzen als helfen:

„Ach, du übertreibst doch.“
„Du bist doch immer so gut drauf.“
„Komm, das ist doch kein Grund, sich schlecht zu fühlen.“

Ich bin nicht beleidigt, wenn jemand meine Diagnose nicht kennt. Aber ich bin müde, ständig erklären zu müssen, dass es trotzdem echt ist. Dass nicht jeder, der lacht, innerlich stabil ist. Dass nicht jede Depression sichtbar ist. Und dass ADHS im Erwachsenenalter ganz anders aussehen kann als bei Kindern.

Ich wirke organisiert, kommunikativ, leistungsfähig – und ja, ich bin das auch. Aber ich bin es nicht ohne Aufwand. Nicht ohne innere Kämpfe. Nicht ohne Erschöpfung.

Ich schreibe das nicht, um mich zu beklagen. Sondern um zu zeigen, wie viel Kraft es kosten kann, „normal“ zu wirken. Und wie wichtig es ist, Menschen ernst zu nehmen, wenn sie sagen: Mir geht es nicht gut.

Denn oft ist nicht die Erkrankung das grösste Problem – sondern das Gefühl, damit allein zu sein.

Und manchmal reicht schon ein Satz, der alles verändert:
„Ich glaub dir.“

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