Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Wieso alle denken, die Welt sei eine riesige Telefonzelle

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 11.08.2025 12:38
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Zugegeben, ich verstehe vieles nicht, was in dieser Welt passiert – und wissen Sie was? Ich muss auch nicht alles verstehen. Aber bei gewissen Dingen juckt es mich schon, den Sinn zu suchen. Meist vergeblich.

Zum Beispiel diese Sache mit dem Telefonieren in der Öffentlichkeit. Offenbar glauben viele, wir lebten in einer gigantischen, globalen Telefonzelle – ohne Wände, ohne Türen, aber mit maximaler Lautstärke.

Sie sitzen im Zug, wollen einfach nur lesen oder vor sich hindösen – und zack: „Jaaa, hoi Schatz, ja, ich bin grad im Zug, ja, er isch grad abgfahre, ja, ich bin am 17:42 in Bern…“ Fünf Minuten später kennen Sie den Gesundheitszustand der Schwiegermutter, das Futter des Hundes und die ungewollte Schwangerschaft der Nachbarin.

Das ist wie Reality-TV – nur ohne Bilder und ohne Möglichkeit, abzuschalten.

Noch schöner wird’s im Restaurant. Da erfahren Sie von Elsbeth am Nebentisch haargenau, was auf ihrem Teller liegt. „Salat mit Tomate und Gurke, und sonere Sauce, weisch, und denäbed Quiche, aber chli z’troche…“ – und das muss die ganze Beiz wissen.

Wieso? Weshalb muss man fremde Leute mit akustischem Kleinklein belästigen? Ist das ein Steinzeit-Instinkt? Oder hat man einfach vergessen, dass es noch etwas gibt, das sich Privatsphäre nennt?

Mir hat man beigebracht: Möglichst nicht auffallen. Das ist bei meinem Erscheinungsbild zwar ohnehin schwierig – aber ich versuche es. Telefonieren in der Öffentlichkeit? Nur im Notfall. Und dann kurz. Maximal 30 Sekunden. Nicht eine Hörspielproduktion Zürich–Bern live.

Und ja – ich habe auch ein Handy. Ich benutze es still. Zum Schreiben. Zum Recherchieren. Für diese Kolumne. Nicht, um dem halben Zug meinen Tagesablauf ins Ohr zu brüllen.

Das Beste: Manche merken nicht einmal, wie laut sie sind. Da würde die Stimme auch ohne Telefon bis Timbuktu reichen. Manchmal habe ich das Gefühl, das Gerät ist nur ein Requisit – so wie früher die Zigarettenspitze. Etwas zum Festhalten, während man eigentlich den Raum beschallt.

Und dann: Videoanrufe. FaceTime im Zug, Lautsprecher auf Maximum. Sie sehen, was er sieht, hören, was er sagt – und sehen im schlimmsten Fall, was sein Gesprächspartner im Mund hat. Kein Telefonieren mehr, sondern Live-TV für Unfreiwillige.

Erklären kann ich es mir nur so: Das Smartphone ist heute das tragbare Wohnzimmer. Früher gab es klare Zonen: Zuhause, Hörer, fertig. Heute trägt man seinen privaten Raum überall hin – und merkt nicht, dass andere da nicht hinein wollen.

Oder man hält sich einfach für unfassbar interessant. Das grosse Missverständnis des 21. Jahrhunderts: Nur weil Sie Ihre Geschichten spannend finden, heisst das nicht, dass der Rest der Welt sich dafür interessiert.

Theater kostet Eintritt, weil dort etwas Sehenswertes passiert. Das Gespräch über Ihre Quiche tut das nicht.

„Dann hören Sie doch einfach weg“, höre ich jetzt schon. Klar. So wie man bei Regen so tut, als wäre es trocken. Funktioniert gleich gut.

Mein heimlicher Plan: Wenn jemand wieder einen akustischen Dauerstream startet, schreibe ich mit. Wort für Wort. Und lese es später laut vor. Bisher ist das gescheitert – nicht am Mut, sondern an meiner Schreibgeschwindigkeit. Die Quassler sind einfach zu schnell für meine Daumen.

Stellen Sie sich vor, wir würden uns in anderen Situationen so verhalten. In der Bibliothek ruft jeder durch den Raum, was er liest. Im Kino berichtet jemand ins Handy: „Also jetzt, weisch, de Hauptdarsteller macht sone Miene…“

Vielleicht wäre die Lösung: Quasselzonen. Wie Raucherzonen (an die sich auch niemand hält). Wer dringend laut reden muss, stellt sich dorthin. Und der Rest hat Ruhe.

Bis dahin: Kopfhörer rein, Musik an. Oder Mails schreiben, Kolumnen tippen. Still. Wie jemand, der begriffen hat, dass er nicht alleine auf diesem Planeten lebt.

Und glauben Sie mir: Es fühlt sich verdammt gut an, nicht die ganze Welt am eigenen Leben teilhaben zu lassen. Vielleicht ist das sogar der letzte wahre Luxus unserer Zeit.

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