1. Roger Köppel und das Podium für Alice Weidel
Roger Köppel weiss genau, was er tut. Wenn der Verleger der Weltwoche die AfD-Chefin Alice Weidel nach Zürich holt, ist das kein journalistisches Experiment, sondern ein kalkuliertes Spektakel. Er bietet einer Politikerin mit klar rechtsextremen Bezügen eine Bühne, verpackt es als „Gespräch“ und inszeniert sich gleichzeitig als mutiger Tabubrecher. In Wahrheit ist es ein doppeltes Geschäft: Weidel bekommt internationale Aufmerksamkeit, Köppel generiert Empörung – und damit Reichweite.
Weidel nutzte den Abend erwartungsgemäss, um ihre bekannten Narrative ungestört auszubreiten. Die Europäische Union sei eine undemokratische Zwangsgemeinschaft, die Schweiz dürfe auf keinen Fall ein Rahmenabkommen unterzeichnen, sonst würde „Ursula von der Leyen Chefin der Schweiz“. Migration müsse gestoppt, Sozialleistungen für Ausländer drastisch gekürzt und die Rückkehr zur Kernenergie sofort beschlossen werden. Zusätzlich setzte sie zum Rundumschlag gegen die politische Konkurrenz an: Friedrich Merz sei „blasiert“ und „unintelligent“, Annalena Baerbock eine Zumutung. Und über allem schwebte ihr Lieblingsbild: Sie selbst sei „der absolute Albtraum der etablierten Politik“.
Das Problem ist nicht, dass solche Positionen existieren – sie sind sattsam bekannt. Das Problem ist, dass Köppel sie nicht kritisch einordnet, sondern verstärkt. Er spielt nicht den unabhängigen Interviewer, sondern den Stichwortgeber. Er lässt Weidel dozieren, applaudieren und provozieren, ohne ernsthafte Gegenfragen zu stellen. Wenn überhaupt, streut er kurze Bemerkungen ein, die ihre Angriffe eher abrunden als entkräften.
Besonders deutlich wird das bei zwei Themen: dem Krieg in der Ukraine und dem Umgang mit Rechtsextremen in der AfD. Weidel erklärte in Zürich unverblümt, die Ukraine habe den Krieg bereits verloren. Russland sei ein unverzichtbarer Partner, und das „aggressive Auftreten“ des Westens gegenüber Putin sei das eigentliche Problem. Dass es Russland war, das die Ukraine brutal überfallen hat, wird dabei elegant verschwiegen. Köppel nickt, hakt nicht nach, stellt keine kritische Nachfrage. Er lässt zu, dass die Täter-Opfer-Umkehr unwidersprochen im Raum bleibt.
Ähnlich beim Thema Björn Höcke und andere offen rechtsextreme AfD-Funktionäre. Köppel spricht das Problem zwar an, doch Weidel weicht aus, verweist auf Parteistatuten und interne Fragebögen – und schon ist das Thema erledigt. Dass Höcke längst gerichtlich als Faschist bezeichnet werden darf, bleibt unerwähnt. Köppel hätte an dieser Stelle insistieren müssen. Er tat es nicht.
Stattdessen betonte er gleich zu Beginn des Abends gut gelaunt, das Publikum reiche „vom Hochadel bis zum Subproletariat“. Ein Bonmot, das seine Selbstinszenierung perfekt beschreibt: Köppel als Volksnaher, der den vermeintlich „gesunden Menschenverstand“ gegen den angeblichen Mainstream verteidigt. Die Einladung an Weidel passt in diese Strategie. Sie liefert ihm die Projektionsfläche, auf der er seine Rolle als Grenzverschieber spielen kann.
Das Kalkül ist offensichtlich. Weidel ist in Deutschland eine hochumstrittene Figur, ihre Partei wird vom Verfassungsschutz beobachtet. Indem sie in Zürich auftreten darf, bekommt sie internationale Legitimation: eine Bühne ausserhalb Deutschlands, ein Saal voller Applaus, eine Öffentlichkeit, die ihr freundlich zuhört. Genau das ist für rechtsextreme Politiker entscheidend – sie brauchen Bühnen, um Normalität zu simulieren. Und Köppel liefert sie.
Die Verantwortung liegt also auf beiden Seiten. Weidel nutzt jede Gelegenheit, ihre radikale Agenda zu verbreiten und rhetorisch zu verharmlosen. Köppel sorgt dafür, dass sie Gehör findet, und verkauft das Ganze als intellektuelle Provokation. Doch es ist keine Provokation im Sinne einer Debatte. Es ist eine Inszenierung, in der eine gefährliche Ideologie ein freundliches Rampenlicht bekommt.
Besonders perfide ist die Art, wie Verschwörungsmythen nebenbei eingestreut werden. Weidel teilte in den Tagen zuvor Tweets über die angeblich „statistisch fast unmögliche“ Häufung verstorbener AfD-Kandidaten in Nordrhein-Westfalen. Sie kommentierte das mit dem scheinbar harmlosen Satz „Vier AfD-Kandidaten gestorben“. Formal korrekt, inhaltlich bewusst Öl ins Feuer. Auch dieses Thema sprach sie in Zürich an, nicht als klare Distanzierung, sondern als Andeutung: Man wolle ja nur „aufklären“. Ein klassisches Muster der Desinformation – und auch hier kein Widerspruch von Köppel.
Das Fazit des Abends ist ernüchternd. Zürich wurde für zwei Stunden zur Kulisse, in der eine deutsche Rechtsaussenpolitikerin ungestört ihre Weltsicht verbreiten durfte. Köppel lieferte dazu die Plattform und das Publikum. Am Ende hatten beide, was sie wollten: Weidel internationale Aufmerksamkeit, Köppel Empörung und Klicks.
Doch die Konsequenz für die Gesellschaft ist gravierender. Solche Auftritte tragen zur Normalisierung von Positionen bei, die demokratische Grundwerte infrage stellen. Sie verschieben den Diskurs, indem sie das Extrem zur vermeintlich legitimen Stimme im Konzert der Politik machen. Genau darin liegt die Gefahr.
Wer Roger Köppel noch als Journalisten betrachtet, irrt. Er ist zum politischen Unternehmer geworden, dessen Ware die Provokation ist. Und wenn er dafür einer AfD-Chefin ein Podium bietet, dann nicht aus Unwissenheit oder Naivität, sondern aus Kalkül. Weidel ihrerseits weiss den Gefallen zu schätzen. Zusammen bilden sie eine Allianz, die keine Debatte fördert, sondern Desinformation und Radikalisierung.
Es wäre an der Zeit, das klar zu benennen: Köppel hat mit diesem Abend nicht Journalismus betrieben, sondern rechtsextremer Propaganda in Zürich eine Bühne gegeben.
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