1. Wie man eine Region ausbremst – Wenn Vernunft am Fahrplan scheitert
Die SBB wollen den Interregio-Halt in Dietikon streichen – und zeigen damit exemplarisch, wie man eine ganze Region verkehrspolitisch vor die Wand fährt.
Von Dietikon in 25 Minuten zum Flughafen Zürich, in einer Stunde nach Basel – das war bisher selbstverständlich. Jetzt soll der IR 36 hier nicht mehr halten. Ein Entscheid, der zeigt, wie weit die Planung von der Realität entfernt ist.
Die SBB planen also ernsthaft, den Interregio-Halt in Dietikon zu streichen. Den Zug, der uns in 25 Minuten direkt an den Flughafen Zürich bringt – und in einer Stunde nach Basel. Einen Zug, der für viele im Limmattal kein Luxus, sondern schlicht Alltag ist. Und jetzt soll der weg. Offiziell im Rahmen des «Bahn-Ausbauschritts 2035». Klingt nach Fortschritt, riecht aber verdächtig nach Rückschritt mit Hochglanzprospekt.
Dietikon ist kein Provinznest, das man aus Versehen mit einem Bahnhof ausgestattet hat. Es ist Bezirkshauptort, Wirtschaftszentrum, Pendlerdrehscheibe, Verkehrsnadelöhr und Lebensrealität von zehntausenden Menschen, die tagtäglich zwischen Zürich, Aargau und Basel unterwegs sind. Hier kreuzen sich Strassen, Trams, Busse und S-Bahn-Linien – und hier will man den Interregio streichen? Das ist, als würde man in einer wachsenden Stadt den Lift ausbauen, weil die Treppe ja auch irgendwo hinführt.
Natürlich wird von offizieller Seite beschwichtigt: Es gebe Alternativen. Mehr S-Bahn, mehr Bus, mehr Umsteigen. Als ob man einem durstigen Menschen erkläre, dass er ja auch Schnee essen könne. Wer morgens um halb sieben in Dietikon steht und Richtung Basel will, weiss genau, was das heisst: Gedränge in der S6, Umsteigen in Zürich, verpasste Anschlüsse und ein Tagesbeginn mit Puls 140. Aber immerhin spart man eine Minute im Fahrplan. Bravo.
Das Limmattal hat in den letzten Jahren Millionen in Verkehrslösungen gesteckt: Limmattalbahn, neue Buslinien, Ausbau der Strassen – und trotzdem bleibt die Region chronisch überlastet. Die Staus in Schlieren, Urdorf oder Spreitenbach sind längst so zuverlässig wie der Sonnenaufgang. Und die SBB denkt, es sei eine gute Idee, die einzige direkte Verbindung zu streichen, die ein bisschen Entlastung bringt? Das ist ungefähr so logisch, wie wenn man im Hochsommer das letzte Glace aus dem Tiefkühler nimmt – und es der Katze gibt.
Dass sich die umliegenden Gemeinden querstellen, ist nur folgerichtig. Schlieren, Urdorf, Bergdietikon, Weiningen, Oetwil, Unterengstringen – sie alle wissen, was das bedeutet: mehr Autos, mehr Stau, mehr Frust. Und zwar dort, wo ohnehin schon alles klemmt. Im Westen Zürichs ist der Verkehr längst nicht mehr planbar. Wer heute von Bergdietikon nach Zürich will, weiss nie, ob er 20 Minuten oder 70 braucht. Der Strassenverkehr ist zum Würfelspiel geworden – und der öffentliche Verkehr sollte eigentlich das Gegenmittel sein. Sollte.
Der «Flugzug» IR 36 war bisher so etwas wie die zivilisierte Abkürzung im täglichen Verkehrswahnsinn. Wer in Dietikon einsteigt, kommt schnell, direkt und stressfrei an. Ohne Umsteigen, ohne Stadtgewusel, ohne das Gefühl, ein Teil einer grossen logistischen Simulation zu sein. Es war ein Stück Lebensqualität, das man jetzt für ein paar Zeilen Statistik opfern will. Und dann wundert man sich, warum die Leute wieder ins Auto steigen.
Der Witz an der Sache: Während die Politik unermüdlich predigt, man müsse die Leute vom Auto in den ÖV bringen, schafft man im selben Atemzug einen der attraktivsten Gründe ab, genau das zu tun. Man nennt es Verkehrspolitik, ich nenne es eine Art intellektuellen Schleudergang: viel Bewegung, null Richtung.
Dietikon ist ein Paradebeispiel dafür, wie die Schweiz sich manchmal selbst ausbremst. Da wird mit Millionen die Limmattalbahn gebaut – mit der Begründung, man wolle die Region besser anbinden – und gleichzeitig schneidet man sie vom überregionalen Netz ab. Das ist, als würde man einem Marathonläufer neue Schuhe schenken und ihm danach die Startnummer wegnehmen.
Natürlich, im Bundeshaus sieht das alles wunderbar aus. PowerPoint-Folien, Projektionen, Wachstumsszenarien – die Zahlen stimmen, also ist alles gut. Bloss leben dort keine Menschen, die morgens um 6:20 Uhr auf dem Perron stehen und hoffen, dass der IR 36 nicht wieder gestrichen wird, weil irgendwer in Bern meint, Dietikon sei ja «irgendwie schon Zürich».
Aber das Limmattal ist nicht «irgendwie Zürich». Es ist eigenständig, wachsend, dicht, lebendig – ein Raum, der die Stadt versorgt, aber nicht dazugehört. Eine Region, die man nicht mit Umsteigen abspeisen kann. Und genau deshalb ist die Streichung dieses Halts so unangebracht, wie sie symbolisch ist: Sie zeigt, dass Vernunft im Fahrplan keinen Platz mehr hat.
Die SBB könnten den IR 36 als Zeichen setzen – als Bekenntnis zur Realität der Menschen, die diesen Zug täglich brauchen. Stattdessen setzen sie auf Abbau durch Ausbau, auf Planung statt Praxis, auf Effizienz statt Verstand. Vielleicht sollten sie mal eine Woche lang selbst von Dietikon nach Basel pendeln. Danach würde man die Pläne vermutlich schnell wieder in die Schublade legen – neben die Konzepte zur Verkehrswende, die dort ohnehin schon Staub ansetzen.
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